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Was macht eigentlich ein Kapuziner

Den Abend und seine feinen Stimmungen mag ich sehr. Vor meinem Bürofenster sehe ich die Sonne orange über dem Zürichsee untergehen. Es ist ein erstes abendliches Innehalten; eine innere Dankbarkeit macht sich breit in meinem Herzen. Doch zurück zur Tastatur und dem Schreiben – was für mich als Journalisten eine Möglichkeit ist, Jesus von Nazareth nachzufolgen, und als Guardian des Klösterlis eine Grundlage für die Organisation und Kommunikation des Klosters.

Der lebendigste und freudigste Augenblick in meinem Alltag beginnt am Abend um 21:30 Uhr in der Klosterkirche. Das öffentliche Nachtgebet. Die dunkle Kirche mit Kerzen erleuchtet ist ein sinnlicher Ort des Ankommens, Stillwerdens und Abschiednehmens. Zuerst konzentriere ich mich auf meinen Atem und lasse ihn ruhig werden. Dann geht mir durch den Kopf «Gott, du hast mich gerufen, du meine Schöpferin, ich bin da». Entspannung und Glück breiten sich in meinem Herzen aus.

Vier solche Gebetszeiten ordnen mir den Tag und ich bin dankbar für dieses Atemholen in Seele und Geist. Es sind Unterbrüche eines manchmal langen Tages. Im Nachtgebet schaue ich dann liebevoll auf den vergangenen Tag zurück. Am Morgen ging es mit dem Zug nach Olten. Wir hatten Redaktionssitzung des Franziskuskalenders, haben um den Titel für 2019 gerungen und uns spannende Artikel überlegt. Solch gestalterische Phasen liebe ich am Journalistenleben. Lust zum Schreiben kommt auf. Entdeckerfreude!

Fürs Mittagessen waren wir im Kapuzinerkloster in Olten. Aussenstehende realisieren oft nicht, dass Kapuziner zu einem Orden und nicht zu einem Kloster gehören. In meinen 26 Ordensjahren habe ich schon neun Mal gezügelt und das Kloster gewechselt. Das nächste Mal wäre ja direkt ein Jubiläum! Okay. Bis September 2019 dauert noch meine Amtszeit als Guardian von Rapperswil – und das Zusammenleben mit Gästen und vertrauten Freiwilligen macht mir viel Freude.

Beim Mittagstisch in Olten sehe ich Br. Viktor. Der ehemals aufrechte Mann mit feurigem Blick kommt sehr gekrümmt auf mich zu. Das hohe Alter setzt ihm zu. Beim Essen sitze ich vis-à-vis von Br. Peter. Der Missionar ist auf Heimaturlaub und erzählt mir von den Entwicklungen in Tansania. Einiges tönt hoffnungsvoll, anderes ist ärgerlich. Wieso kommt dieses Land nicht wirklich auf den grünen Zweig? Zum Abschied meint Peter: «Adrian, es wäre höchste Zeit, dass du wieder mal in Tansania recherchieren und fotografieren kommst!» Ja, es war schön bei den Katholiken da unten – und auf der Redaktion fehlen Fotos für die Zeitschrift «ite».

So. Jetzt muss ich aber schnell auf den Zug. Um vier Uhr wartet noch ein Seelsorgegespräch und dann ist es höchste Zeit fürs Kochen. Vierzehn hungrige Bäche warten heute Abend auf meine Kochkünste. Ja, ich gestehe, ich geniesse das Essen sehr und verstehe gut, dass Jesus von Nazareth oft und fein mit den Menschen gegessen hat. Okay. Auch er wird nicht jeden Tag Wein gewandelt haben, wie er es am Hochzeit von Kanaan tat. Heute mal was Einfaches.

Nachtgebet. Langsam lasse ich den vollen Tag los. Atme tief. «Gott, danke dir für die Begegnungen und den wunderbaren Tag!» Halt! Was höre ich da? Da kommt ein Schnarchen aus der dunklen Kirche! Hat sich da ein Bettler in der Kirche ein Nachtlager gemacht? Ui, das könnte spät werden. Lieber Gott, ist das wirklich dein Wille? Anspannung kommt hoch. Vergeblich versuche ich ruhig zu werden. Nach dem Segen zünden wir die Lichter an und sehen jemanden tief vorübergebeugt in den Kirchenstühlen schlafen. Ruhig versuche ich die Person anzusprechen und zu wecken. Nachdem sich das Gesicht hebt, sehe ich ein vertrautes Gesicht. Die Spannung lässt nach. Ja, Frau Lüdi hat das Nachtgebet regelrecht verschlafen. Nein, keine Obdachlose. Langsam und lachend laufen wir zur Kirchentüre. Lieber Gott, manchmal führst du mich schon an der Nase herum. Danke für den Tag. Gute Nacht dir …

Aus: Stadtpfarrblatt der Katholischen Kirche in Rapperswil-Jona; Nachgefragt, Dezember 2017, S. 5.

 

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