2017_10_Xperia_von_Adrian_Müller_0168

Wenn Gott durch bewegte Bilder bläst

Einzelne Dokumentarfilme lassen uns religiöses Handeln kennenlernen und vermitteln uns Wissen zu Glauben. Spielfilme laden manchmal ein zum Staunen und zum Betroffen werden – selten auch einem heiligen Erschauern, ja einem Berufungserlebnis.

Ihre Augen beginnen zu leuchten und lächelnd formuliert die Ordensschwester: «Als ich den Film ‹Bruder Sonne, Schwester Mond› von Franco Zeffirelli gesehen habe, da wusste ich, Gott beruft mich ins Ordensleben.» Und heute leitet sie ein Kloster und denkt glücklich an die Berufungserfahrung vor dem Fernseher nach. Gottes Geist kann auch durch Film, wie durch andere Medien auch, Menschen in seinen Dienst berufen.

Gottes Geist kann auch durch Film Menschen in seinen Dienst berufen.

Dabei ist es erstaunlich, dass vor allem der italienischsprachige Katholizismus eine eigene religiöse Filmkultur entwickelt hat, wie es der deutschsprachige Film nicht gesucht und auch nicht umgesetzt hat. «Bruder Sonne, Schwester Mond» sollte zuerst gar nicht in Deutsch synchronisiert werden – der Film wurde als zu romantisch und nicht markttauglich befunden. Heute ist dieser Film, der vor allem für Teenager faszinierend ist, im Religionsunterricht der Schweiz einer der am häufigsten gezeigten Unterrichtsfilme. Viele die Religion unterrichten, machen sehr gute Erfahrungen mit dem Film.

 

Berufung geht individuell

Gott spricht viele Sprachen, er ist auch des medialen Ausdrucks mächtig. Dabei kann Berufung unterschiedlich geschehen oder sich entwickeln. Die Humanistische Psychologie spricht gerne von Gipfelerlebnissen (Allport: Peak Experiences), die das Leben und den Glauben prägen können. Bei der oben erwähnten Ordensschwester war es ein religiöses Gipfelerlebnis, das an einem bestimmten Moment durch einen konkreten Film ausgelöst und lebensbestimmend wurde.

Hier geschieht Berufung und religiöse Formung als eine langsame Entwicklung.

Betrachtet man das Leben eines Franz von Assisi, dann findet man bei ihm weniger Gipfelerlebnisse, sondern Wiederholungen, die sein Leben und seinen Glauben geprägt haben. In seinem Testament spricht er davon, immer wieder Aussätzige besucht und gepflegt zu haben, bis dies bei ihm zu einer Sinnesänderung führte. Was ihn vorher zurückschreckte, begann er plötzlich zu lieben. Hier geschieht Berufung und religiöse Formung als eine langsame Entwicklung – ähnlich wie bei der Krankenschwester, die als Kind gerne Filme sah, in denen um das Leben von Kranken und Verunfallten gekämpft wurde.

 

Filmische Glaubensbiographie

Wenn ich meine eigene Entwicklung in den Blick nehme, dann darf ich feststellen, dass es oft Filme waren, die bei mir das berühmte Erschauern vor dem Heiligen (tremendum faszinosum) auslösten. Dabei ist zu beachten, dass meine Eltern ausdrücklich wollten, dass wir Kinder ohne Fernsehen aufwachsen. So verschwand der Fernseher, als ich Kleinkind war, und kam erst wieder ins Haus, als ich ein Jugendlicher war.

Die beiden prägenden Fernsehfilme meiner Jugend waren die beiden französischsprachigen Filme «Der Lauf» sowie «Die Spitzenklöpplerin». Einmal im Fernsehen gesehen, ging ich über Jahre mit ihnen schwanger und es entstanden eigene innere Filme. Als ich zwanzig Jahre später «Die Spitzenklöppnerin» erneut anschaute, hatte das mit vielen Überraschungen zu tun. Es war nicht mehr der Film, den ich als Jugendlicher gesehen habe und der mich über Jahre innerlich begleitet und geprägt hat.

 

Glaubensfragen

Als erster «theologischer» Film prägte mich «Je vous salue Marie». Auch hier musste ich feststellen, dass sich nach Jahren mein innerer Film etwas anders entwickelte, als es das Original gewesen war. Wichtig wurde mir in meinem inneren Film, dass der Engel Josef ziemlich handgreiflich zwang, Maria und ihr Kind zu sich zu nehmen. Auch gibt es im Film die Szene von der erschauernden ersten Begegnung der schwangeren Maria mit dem etwas verdutzten Josef. Dabei muss dieser lernen, den Bauch der Maria, respektive Jesus, respektvoll, liebevoll und staunend anzunehmen. Der Filmemacher hat dazu geniale Kamera-Einstellungen gefunden.

Erst beim beharrlichen Dranbleiben haben diese Filme mir ihre Tiefe und Weisheit Kund getan.

Seither habe ich einige Filme gesehen, die mein Leben und meinen Glauben gefördert und vertieft haben. Oft erging es mir dabei wie Franz von Assisi. Beim ersten Hinsehen hatte ich ein sehr unangenehmes Gefühl. Erst beim beharrlichen Dranbleiben haben die Filme mir ihre Tiefe und Weisheit Kund getan. Manchmal brauchte es drei Anläufe, um die «schrecklichen» Filme zu Ende zu sehen. Und dann Raum und Zeit, dass sie in meinem Herzen wirken konnten.

In: ITE 2017/4

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *