Optimismus ist eine Lebenskraft

So lese ich bei Dietrich Bonhoeffer; und er spricht mir aus dem Herzen. Optimismus ist nicht nur eine mögliche Lebensperspektive, sondern drückt einen Willen für eine gute und farbige Zukunft aus. Der Optimismus lebt auch von unserem Wissen, dass Gott der Schöpfer ist und dass das Leben in seinen Händen liegt. Menschen sind Mitschöpfende und gerufen sich für das Leben im hier und jetzt einzusetzen. Als Christen und Christinnen tun wir das gewiss bis zum Moment da Jesus Christus wiederkommt. Nun, vielleicht gehen wir dann zusammen weiter und legen auch dann nicht einfach die Hände in den Schoss.

Wenn das Miteinander dem Dialog vorangeht

Die Weltmeisterschaft im Fussball vereint viele Menschen unterschiedlicher Länder vor dem Bildschirm. Doch schon im Alltag kann Fussball Menschen unterschiedlicher Religionen zu einem Team verbinden. Dies zeigt der Film «Pizza Bethlehem» in eindrücklicher Weise.
Adrian Müller in ITE 2020/1

In der ökumenischen Diskussion wird von den kirchlichen Theologen immer wieder betont, dass den dogmatischen Gesprächen Begegnungen vorausgehen müssen. Das gilt im interreligiösen Dialog besonders. Auch für Papst Franziskus ist dieser Zugang bedeutungsvoll. Franziskus, damals noch Jorge Bergoglio, und der Rabbiner Abraham Skorka lernten sich vor mehr als 20 Jahren kennen und tauschten sich zunächst über Fussball aus. Aus Fussballfans wurden mit der Zeit Freunde, die über theologische, politische und Themen des Alltags diskutierten.
Frauen müssen ran
Der Filmemacher Bruno Moll begleitete 15- bis 16-jährige Mädchen aus dem Berner Stadtteil Bethlehem. Das verbindende dieser jungen Frauen ist der Fussball. Gemeinsam trainieren und spielen sie diesen Sport – oft zu Beginn mit Widerstand aus den Familien. Nicht für alle Kulturen ist es von vornherein einsichtig, dass Mädchen Fussball spielen können und dürfen. Vor allem die Väter scheinen mit dem Hobby ihrer Töchter ihre Probleme zu haben.
Junge Frauen müssen lernen, hinzustehen und um den Ball zu kämpfen.
Betrachtet man die Fussballszenen dieses Filmes und die Ansprachen des Trainers in den Pausen, so fällt auf, dass die jungen Frauen lernen müssen, hinzustehen und um den Ball zu kämpfen. Wie auch im Profifussball – die Schweizer Nationalmannschaft scheint dieses Problem zu haben – geht es nicht um das schönere oder bessere Spiel, sondern um Tore. Da muss um Bälle und Chancen gekämpft und gerungen werden.
Alltag teilen
Dem Filmemacher gelingt es einfühlsam und auch erfrischend, Agime, Allessandra, Daria, Elmaze, Natâsa, Rosa, Tiziana und Yolanda im Fussball, beim Shoppen, Plaudern und eben beim Pizzaessen (vgl. den Filmtitel Pizza Bethlehem) zu porträtieren. Da geht es nicht primär um Theologie und hohe kulturelle Auseinandersetzungen, sondern um das Leben junger Frauen. Und trotzdem ist die Religion stets präsent, sei das in der Gestaltung von Zimmern und Wohnungen, sei das im Austausch über Werthaltungen.
Bemerkenswert am Film ist jedoch, dass Religion vorkommen darf und nicht ausgeschlossen wird. Die jungen Frauen erzählen immer wieder von ihrer Religion und ihrem Umfeld. Sie kommentieren, wie Religion auch ihr Leben prägt.
Nicht ohne Gott
In den Kapiteln 11 und 12 von «Pizza Bethlehem» geht es um Religion und Glauben. Hier einige Passagen der jungen Frauen, die vom Berndeutsch ins Hochdeutsche transkribiert wurden (Untertitel im Dokumentarfilm):
«Ich war ein kleines Problemkind. In der ersten Klasse wurde ich gemobbt. Deswegen habe ich am Abend viel gebetet … vor der kleinen Madonina, die wir im Wohnzimmer haben. Ich habe mich hingekniet und darum gebetet, dass alles wieder gut wird. Das hat mir sehr geholfen.»
«Ich bete jede Nacht, auch vor den Spielen. Ich glaube an Gott. Und meine Zukunft… Ich glaube, dass er bestimmt, was mit mir passiert und was nicht. Dank ihm bin ich hier.»
Ich könnte mir nicht vorstellen, ungläubig zu sein. Ich muss an etwas glauben.
«Ich könnte mir nicht vorstellen, ungläubig zu sein. Ich muss an etwas glauben. Wenn ich Angst habe, muss ich beten. Ich kann nicht einfach … Zu wem soll ich sprechen, wenn ich bete. Ich brauche jemanden wie Allah. Ich bete auch viel. Ich kann ein paar Gebete auf Arabisch. Und die bete ich … Ich brauche das einfach. Ich könnte nicht ohne Glauben sein.»
«Ich geh ab und zu in die Kirche, aber ich bin nicht … Ich glaube schon an Gott, aber nicht so fest wie andere. Wenn ich bete, dann weiss ich, dass er mir zuhört und helfen wird. Und dann weiss ich, dass er eigentlich immer bei mir ist.»
«Ich sehe es auch mit dem Hund Speedy, nun, da er blind ist. Ich bete fast jeden Abend … Für ihn und auch für die anderen. Ich denke, es hilft schon, vielleicht nicht immer, aber oftmals. Ich glaube fest daran.»

Zum Film: Pizza Bethlehem – Gelebte Integration | Idee, Buch und Regie: Bruno Moll | Kamera: Ueli Grossenbacher | Produktion: PS Film Zürich, Peter Spierri | Dauer 85 Minuten | 2011 trigon-film, Schweiz.

Agime – «Fussball macht mich immer glücklich»
«Für viele ist Fussball nur Sport. Für mich ist es auch, wenn ich Probleme habe, zum Beispiel mit der Schule und den Bewerbungen … Meine Eltern fragen mich auch, ob ich eine Lehre habe. Es ist stressig, vor allem jetzt in der Neunten. Da tut das Fussballspielen gut, mit der Mannschaft zu sein, sei es im Training, am Match oder in der Freizeit. Fussball macht mich immer glücklich. Auch wenn ich schlecht drauf bin, es macht mich immer glücklich, egal wie das Spiel endet.»

Nicht eitel, aber authentisch

Bericht über einen Vortrag im Einsiedler Anzeiger zur deutschsprachigen Wallfahrtsrektorenkonferenz. Zitat:

Am Treffen der Wallfahrtsrektoren ging es schliesslich auch um die Vorboten und Herausforderungen der neuen Zeit: die Digitalisierung, die Kommunikation und die Medien. Zu diesem Zweck wurde Adrian Müller, Guardian im Kapuzinerkloster Rapperswil, zur Konferenez eingeladen, um im Kloster Einsiedeln ein Referat über Medien und Kommunikation zu halten.
Was die Teilnehmer der Tagung denn von diesem Vortrag von Bruder Adrian nach Hause mitnehmen würden, wurden die Rektoren ganz am Schluss in einer aufgeschlossenen, munteren und viel Freude ausstrahlenden Runde gefragt: «Wir sollen nicht so eitel sein im Umgang mit den Medien und einer Lokalzeitung wie dem Einsiedler Anzeiger», lautete die von einem schallenden Lachen begleitete Antwort auf diese Frage. Es gelte erst einmal hinzuhören und dann erst zu reagieren. Was der Runde denn zum Abschluss der Wallfahrtsrektorenkonferenz
vorzüglich gelingen sollte.

Einsiedler Anzeiger, 14. Januar 2020

Helvetier?!

Betrachtet man die Schweizer Migrationsgeschichte, dann sind da zuerst einmal Menschen eingewandert und später über Jahrhunderte vor allem ausgewandert. Vor gut hundert Jahren wurde die Schweiz erneut zu einem Einwanderungsland. Ausgewandert wird bis heute aber weiterhin. 11 Prozent der Schweizer leben im Ausland.

Artikel in Zeitschrift ite 2019/4

«Wer ist der Urschweizer? Das Mammut.» Das steht an der Schiffsanlegestelle in Beckenried. Der Mensch ist erst später eingewandert. Um 15000 v. Chr., nach der letzten Eiszeit, wanderten die ersten Tiere und Menschen ins Schweizer Mittelland. Als Nomaden lebten die Menschen von der Jagd, vom Fischfang und vom Sammeln. Ab 6500 v. Chr. gibt es den ersten Immigrationskonflikt mit Ackerbauern und später mit Viehzüchtern. Ab dem 8. Jh. v. Chr. lebten keltische Stämme wie die Helvetier, Allobroger, Rauriker usw. im Raum der heutigen Schweiz.

Kurz vor 100 v. Chr. wanderten die Helvetier aus dem süddeutschen Raum ins Schweizer Mittelland ein.

Die Abkürzung CH (Confoederatio Helvetica) ziert noch heute jedes Auto. Die humanistischen Geschichtsschreiber haben im 16. Jh. nach dem Schweizer Urvolk gesucht und erkoren die Helvetier dazu. Doch war dies wohl ein grosser Missgriff. Hier die Geschichte, wie sie vermutlich stattgefunden hat: Kurz vor 100 v. Chr. wanderten die Helvetier aus dem süddeutschen Raum ins Schweizer Mittelland ein. Doch war dies nicht das Land ihrer Träume. So zerstörten sie 58 v. Chr. ihre Wohnstätten und zogen weiter Richtung Südfrankreich. Doch setzte der römische Feldherr Julius Caesar der Auswanderung in der Schlacht von Bibracte 58. v. Chr. ein jähes Ende.

Die Helvetier mussten wieder zurück ins schweizerische Mittelland und träumen wohl heute noch von einem Leben an der südlichen Sonne. Damals wollten die Römer mit den Helvetiern eine Pufferzone schaffen zu den Germanen – und diese Pufferzone scheinen die Italiener und Deutschen, ja ganz Europa, heute nicht mehr wegzukriegen.

Schweizer Mischkultur

Der grösste Teil der Schweiz gehörte bis zum 6. Jh. n. Chr. zum römischen Reich. Das bedeutete eine Romanisierung der Kelten, welche sich die römische Kultur mehr und mehr aneigneten. Es entstand die Kultur der Galloromanen. Römische Veteranen, Soldaten, Beamte, Ingenieure, Gewerbetreibende und Geschäftsleute waren die Einwanderer der damaligen Zeit ins Schweizer Territorium. Erstmals entstanden Städte und überregionale Strassen auf Schweizer Boden. Und nicht zu verachten, die Römer brachten eine lange Friedenszeit ins Land.

Im Hoch- und Spätmittelalter kam es dann in der Schweiz wiederum zu Stadtgründungen. In den Städten des Heiligen Römischen Reiches war vom 13.-16. Jh. n. Chr. die Migration ein bedeutsamer gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Vorgang. Das Reich bildete einen grossen Migrationsraum, aus dem die Städte ihre Neubürger gewannen – in den Städten wurden schon damals zu wenig Kinder geboren, so dass sie zum Überleben auf Neuzuzüger angewiesen waren. Schön lässt sich dieser Prozess der Neuintegration statistisch für die Stadt Zürich nachweisen.

Seit der Reformation prägte zudem die Konfession die Richtung der Wanderung.

Wichtigster Wanderungsfaktor war schon damals die wirtschaftliche Attraktivität und der Arbeitsmarkt. Weiter war die Sprache ein wichtiger Grund für die Wahl des Wanderungszieles. Seit der Reformation prägte zudem die Konfession die Richtung der Wanderung. Eine spezifische Migration hatten in der Reformationszeit Berner Künstler. Da wegen dem Bildersturm in der reformierten Stadt keine Statuen und Heiligenbilder mehr bestellt wurden, mussten diese Künstler ins katholische Ausland auswandern.

Zur selben Zeit, als Neubürger die Städte bevölkerten, kolonisierten deutschsprachige Siedler aus dem Oberwallis die hochalpinen Täler der Zentralalpen. Die Walser erschlossen sich neue und ungenutzte Lebensräume.

Migration wurde zum Massenphänomen

Stramm steht die Schweizer Garde im Vatikan (siehe auch Porträt S…). Und die Gardisten müssen Schweizer sein – auch wenn heute Polen oder Italiener gerne für den Papst strammstehen würden. Als Reisläufer, Söldner und Militärunternehmer waren Schweizer Männer in fremden Diensten. Hier wird Migration erstmals zu einem Massenphänomen. Für das 15. und 16. Jh. fehlen Zahlen. Im 17. Jh. dürften je nach Region und Generation zehn bis dreissig Prozent der erwachsenen Männer als Soldaten ins Ausland migriert sein.

Dabei hat sich das Kriegshandwerk in diesen Jahren sehr verändert. Der Reisläufer aus der Zeit der Mailänderkriege (1494-1559 n. Chr.) hatte mit dem Söldner in einer französischen Garnison im 18. Jh. kaum mehr etwas gemein. Für die eidgenössischen Orte war diese militärische Migration stets ein lukratives Geschäft und half auch der eigenen politischen Stabilisierung in Europa.

Zur zivilen Arbeitsmigration kam im 16. bis 18. Jh. die Flucht- und Zwangsmigration. Kriegs-, Glaubens-, und politische Flüchtlinge sowie französische Revolutionsflüchtlinge waren auf der Wanderschaft.

Migration im Inland und nach Übersee

In der Helvetik von 1798 und im modernen Bundesstaat von 1848 wurde das Verhältnis der Bürger zum Staat sowie der Bewohner zu ihrem Wohnort komplett neu geregelt. Zentraler Aspekt war die garantierte rechtliche Gleichstellung von Männern christlichen Glaubens, insbesondere die Niederlassungsfreiheit und die Möglichkeit, in jedem Kanton die politischen Rechte wahrnehmen zu können.

Bis 1815 wanderten ungefähr 25’000 Schweizer nach Übersee aus. In den anschliessenden hundert Jahren bis zum ersten Weltkrieg waren es fast eine halbe Million. Missernten und Armutskrisen sowie Bevölkerungswachstum zwangen viele Schweizer zur Auswanderung. Ab 1815 begannen Gemeinwesen, Auswanderungswillige zu unterstützen. Man sah darin ein legitimes Mittel, arme Menschen loszuwerden. Sozialpolitik hiess, ein Ticket «Amerika einfach» auszustellen.

Die Schweiz braucht Arbeiter

Während über Jahrhunderte vor allem aus der Schweiz ausgewandert wurde, änderte sich 1888 die Richtung. Nicht mehr die Schweizer migrieren massenhaft ins Ausland, sondern plötzlich werden Menschen aus anderen Ländern aktiv in die Schweiz geholt. Das Alpenland wurde langsam zu einem Industriestaat und seit den 1880er-Jahren verfügt das Land über ein dichtes Bahnnetz. Die Schweiz entwickelte sich zu einer Arbeitsmarktdrehscheibe in Europa. Das Land hatte plötzlich genug Arbeit auch für die ärmeren Bevölkerungsschichten.

Infrastruktur, Städte und Tourismus wären ohne die Arbeit der eingewanderten Italiener undenkbar.

Eine Schlüsselrolle bei diesem Umbruch kommt dem Bau der Gotthardbahn zu. Diese war sehr wichtig für eine prosperierende Wirtschaft sowie für den langsam aufkommenden Tourismus. Dabei spielten über hundert Jahre die Italiener eine wichtige Rolle. Infrastruktur, Städte und Tourismus im heutigen Stil sind ohne ihre Arbeit undenkbar. Auch diese Etappe der Immigrationsgeschichte ist spannend und sehr komplex. An dieser Stelle kann nur an die zu Beginn des Beitrages erwähnte Schweizer Migrationsgeschichte erinnert werden.

Frankreich, wir kommen!

Und auch heute noch stehen die Schweizer Gardisten in Rom stramm. Studierende und Arbeitende wandern aus, um an neuen Orten Heimat zu finden. 2012 sind 104’000 Menschen aus der Schweiz ausgewandert. Nach dem Bundesamt für Statistik wohnen aktuell rund 11 Prozent der Schweizer Bevölkerung im Ausland. Von diesen Ende 2017 insgesamt gezählten 751’800 Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern leben 62 Prozent in Europa. Spitzenreiter ist Frankreich. Da scheint sich der Kreis zu schliessen. Schon vor 2000 Jahren wollten die Helvetier nach Südfrankreich auswandern. Dieser Trieb scheint den heutigen Eidgenossen immer noch im Blut zu liegen.

Quellen:

  • Die geschichtlichen Daten stammen aus dem sehr lesenswerten Buch «Schweizer Migrationsgeschichte» von André Holenstein, Patrick Kury, Kristina Schulz, Hier und Jetzt, 2018.
  • https://www.eda.admin.ch/eda/de/home/leben-im-ausland/publikationen-statistiken/statistiken.html