2014_10_15_Ä_von_Adrian_Müller_0134

Aufbruch ins Ungewisse

Predigt zu 50 Jahre Bruder Klaus – Diessenhofen

Wir feiern heute einen Menschen, namens Bruder Klaus, Kirchenpatron dieses Gotteshauses. Er ging mit fünfzig nicht zu seinem Chef, einen höheren Lohn einzufordern, sondern er verlässt seine Familie und hinterlässt ihnen den Bauernhof, seine Existenzgrundlage. Bruder Klaus sucht eine Ortsveränderung, kennt aber das Ziel nicht. Er bricht auf in eine ungewisse Zukunft. Er ist auf der Suche, der spirituellen Suche. Eine innere Herzenskraft beflügelt ihn. Ob es Gott ist?

Diesen Sommer hat mein leiblicher Bruder, knapp fünfzig Jahre alt, sowohl seine Firma wie auch seine wunderbare Stadtwohnung verkauft. Er breche auf nach Lateinamerika, er brauche zusammen mit seiner Frau einen neuen Lebensort, einen anderen Ort.

Doch habe ich es auch schon als junger Mann erlebt. Ich begann bei der Post die Karriere als Betriebssekretär. Da hatte ich drei gute Freunde. Wir waren Beamte und hatten eine sichere Anstellung bis zur Pensionierung. Doch Daniel verliess die Post wegen der Kunst, Bruno wegen der Jugendarbeit und ich wegen dem Kloster. Einzig Lüdi blieb bei der Post und fand sein Glück. Was sind das für Kräfte, die solche Lebensentscheidungen begünstigen, ja sogar fordern? Die Vernunft würde wohl «nein» sagen, aber das Herz oder die Liebe scheinen es zu fordern! Sie sagen «Ja» ohne das Ende oder den Erfolg des Tuns zu kennen.

Bruder Klaus kann uns für das Verstehen von solch einschneidenden Lebensentscheidungen eine Hilfe sein. Der erfolgreiche Familienvater, Richter und Grossbauer bricht auf, verlässt seine Heimat und geht nach Basel. Nein, er hat noch keine konkrete Absicht, kein festes Ziel. Er ist aufgebrochen und sucht seinen Ort in der Welt; den Ort wo er mit Gott und der Welt in Beziehung treten kann. Er sucht den Willen Gottes und will Jesus nachfolgen. Nicht als reicher Bauer, erfolgreicher Krieger oder beliebter Richter will er leben, eher als betender Mensch oder vielleicht als Pilger. Die Gottsuche bringt ihn auf die Landstrassen und in die Fremde.

Nein, nicht mit geschlossenen Augen, nicht Menschen oder Gott meidend ist er unterwegs. In Basel trifft er Dominikaner, die für ihre Zeit auf der Höhe der damaligen Spiritualität sind. Erzählt wird später von einer Vision und von einer prägenden Begegnung, die mir diesen Sommer im Elsass ganz farbig erzählt wurde und ich euch, liebe Schwestern und Brüder, gerne weitergebe.

Bruder Klaus habe im Elsass einen Bauern angetroffen und sei mit diesem ins Gespräch gekommen. Der einfache Bauer habe Bruder Klaus jedoch geraten wieder umzukehren und zu Hause, bei den Seinen Gott und der Welt zu dienen. Bruder Klaus ist nicht in sich vernarrt und kehrt um, auch wenn er die Lösung für sein Leben noch nicht gefunden hat. Er wird weiter um Erkenntnis ringen und sich auf den Alpen verstecken.

Viele geistliche Erzählungen kennen diesen Umweg in die Fremde, um dann quasi zu Hause einen neuen Ort zu finden. Nein, nicht den alten, sondern einen Anders-Ort, einen Ort wo die Jesus-Nachfolge echt gelebt werden kann. Der Weg muss nicht einsam bleiben. Freunde helfen Bruder Klaus seine Klause zu bauen.

Ich erinnere mich an eine feurige Ansprache, wie sie Papst Franziskus 2013 120 Ordensmenschen zugerufen hat: «Weckt die Welt auf! Seid zeugen dafür, dass es einen anderen Weg gibt im Handeln, im Leben! Es ist möglich, anders in dieser Welt zu leben.»

Anders in der eigenen Welt leben. Bruder Klaus ist zwar einen Steinwurf von zu Hause entfernt, lebt aber wie an einem anderen Ort und handelt anders als zuvor. Sein Leben und Handeln bekommen eine andere Ausrichtung. Papst Franziskus würde hier von der neuen Logik des Evangeliums sprechen. Es geht nicht um Macht, Geld oder selbstgebastelte Götter, nein es geht in den Worten von Papst Franziskus um «Hingabe», «Geschwisterlichkeit», «Annahme der Verschiedenheit» und der «gegenseitigen Liebe».

Hingabe: Moderne Menschen sind stets unterwegs und trotz Smartphones und Email oft sehr schlecht erreichbar. Ein Bruder Klaus, der in seiner Klause lebt, ist ansprechbar, präsent, erreichbar, quasi Tag und Nacht.

Geschwisterlichkeit: Diese Pfarrei feiert das 50 Jahr Jubiläum dieser Bruder Klausen Kirche. Das Gotteshaus ist nicht einem Herrn von Flüe oder einen Würdenträger geweiht, sondern schlicht einem Bruder, nämlich Bruder Klaus. Der Name ist Programm! Der Heilige im Ranft ist für alle Menschen offen, nicht nur für die Herren von Bern, welche politische Unterstützung brauchen; offen für Gott und die Menschen, die seinen Rat suchen.

Annahme der Verschiedenheit: Vom Bauern im Elsass lässt er sich seine eigenen Grenzen aufzeigen und er zieht wieder in sein eigenes Umfeld, um da in der Nachfolge Christi die Logik des Evangeliums zu leben. Er weiss, er muss seinen eigenen Glauben und seine eigene Spiritualität finden. Und damit fasziniert er uns bis heute.

Gegenseitige Liebe: Im Ranft wurde mir immer wieder betont, dass Bruder Klaus in seiner Zelle zwei Fenster hatte. Eine in die Kapelle zu Gott und eines in die Welt zu den Menschen. Das eine gäbe es nicht ohne das andere. Zur Gottesliebe gehört auch die Nächstenliebe – ach ja; Jesus würde hinzufügen, vergiss die Selbstliebe nicht.

Im Ranft lebt Bruder Klaus an einem sogenannten Anders-Ort nach der Logik des Evangeliums. Drei Bemerkungen sind mir dazu wichtig geworden.

  1. Anders-Orte sind nicht Utopien, die örtlich weit weg oder in ferner Zukunft existiert. Nein, Anders-Orte sind hier bei uns. Präsent, hoffentlich bei mir in der Klostergemeinschaft in Rapperswil, hoffentlich hier bei Ihnen in der Pfarrei wie in der Stadt Diessenhofen. So hat es mir heute im Gottesdienst sehr gefallen, dass jede Gruppe der Pfarrei ein Baustein für eine lebendige Kirche in Diessenhofen hingestellt hat!
  2. Anders-Orte sind nicht Ideale, aber Realität. Bruder Klaus hat nicht grosse Ansprachen und lange Reden gehalten. Er hat gehandelt bei sich im Ranft. Solches Tun wünsche ich Ihnen wie auch mir. In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden, nicht Prinzip, Anleitung oder Dogmatik! Wir alle sind in konkretes Leben eingebunden und dieses ist uns eine Chance, darin das Reich Gottes zu verwirklichen.
  3. Andersorte sind nicht Nostalgie. Es gibt eine kirchliche Vergangenheit, aber wir leben heute im 2017 und suchen für Diessenhofen und die Welt heute nach einem Leben in der Logik des Evangeliums in der Nachfolge Jesu. Wir leben in der Gegenwart und können für einiges der Vergangenheit dankbar sein, aber gewiss nicht Zuständen nachtrauern, die es heute nicht mehr gibt – das wäre reine Zeitverschwendung!

Jeder und jede von uns muss seine Anders-Orte finden. Es gibt Bausteine für eine lebendige Kirche, aber auch Bausteine für eine lebens- und liebenswerte Welt. Christen und ChristInnen leben nicht für sich und nur unter sich, sondern in der Nachfolge Jesu die sogenannte Proexistenz, das für Andere Dasein, oder eben Hingabe an alle Menschen und die gesamte Welt.

In den letzten Jahren ist mir dazu der Begriff «heilsam» sehr wichtig geworden. Ein Gast vom Kloster zum Mitleben, von Beruf Gefängnisdirektor, hat uns Brüder und Schwestern vor drei Jahren die Festpredigt zum Fest von Franz von Assisi gehalten. Dabei hat er sowohl das Kapuzinerkloster als auch das Gefängnis als heilsamen Ort beschrieben, Orte der Heilung und Hoffnung.

In einem heilsamen Leben suche ich heute meine Hingabe, eine Geschwisterlichkeit, die über sich hinauswächst. Ich übe mich im Zusammenleben mit sehr unterschiedlichen Schwestern und Brüdern; ich lerne so mehr und mehr von der gegenseitigen Liebe. Ja, heilsam möchte ich leben; für die Gemeinschaft vor Ort, für die Gäste, welche zu uns ins Kloster kommen um mit uns zu leben, wie auch für die ganze Mitwelt, der ich Tag für Tag begegnen darf.

Ich hoffe, dass meine Worte hier heilsam werden, wie es diejenigen eines Bruder Klaus waren, als er im Ranft von vielen Menschen aufgesucht wurde. Und auch Ihnen wünsche ich die Kraft und die Geduld, in ihrem Lebensumfeld Anders-Orte zu schaffen, die von Hingabe, Geschwisterlichkeit, Annahme der Verschiedenheit sowie gegenseitiger Liebe geprägt sind. Ganz konkret, jetzig und real.

Und falls Sie sich zu Beginn jeweils etwas etwas ratlos fühlen, dann wünsche ich Ihnen wie Bruder Klaus und vielen Menschen um uns, den Mut, ins ungewisse aufzubrechen, die göttlichen Regungen im Herz aufzunehmen und mit offenen Augen loszugehen. Gott wird mit Ihnen, Gott wird mit uns sein. Amen.

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