Endlich klare Worte – Danke

Ursachen erkennen – Verantwortung übernehmen – Konsequenzen ziehen Erklärung der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) (ZdK 20.11.20)
Sexualisierte Gewalt ist seit langem ein strukturelles Problem in der katholischen Kirche. Das Leid der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die von sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche betroffen sind, erschüttert uns. Täter und Täterinnen sind nicht nur diejenigen, die aktiv missbrauchen, sondern auch alle, die vertuschen, verharmlosen und eine offene und transparente
Aufdeckung der Taten behindern. Die Kirche muss sich dieser schweren Schuld bedingungslos stellen. Wer Verantwortung trägt, muss diese auch übernehmen und aus Versagen Konsequenzen ziehen – das betrifft alle Leitungsverantwortlichen, in erster Linie die Bischöfe. Weggesehen und -geschwiegen haben in Fällen sexualisierter Gewalt über Jahrzehnte hinweg auch kirchlich engagierte Christinnen und Christen ohne Weiheamt. Wir bedauern, dass wir als Zentralkomitee der deutschen Katholiken nicht schon vor 2010 das Thema in den Blick genommen haben. Wir bekennen, dass auch wir das Leid der Betroffenen oft nicht an uns herangelassen haben und diesbezüglich noch Lernende sind. Wir sind ernüchtert, beschämt und zornig, dass sexualisierte Gewalt in der Kirche immer noch vertuscht wird. Bis heute bekennen sich zu wenig Verantwortliche zu ihrem Tun und Unterlassen. Wenn konsequent und schonungslos aufgearbeitet wird, unterstützen wir dies. Wir sehen jedoch, dass es noch immer Bischöfe und weitere Leitungsverantwortliche gibt, die ihre Macht missbrauchen, keine persönliche und institutionelle Verantwortung übernehmen und nicht zu
strukturellen Veränderungen bereit sind. Wir fordern eine freimütige Diskussion auch innerhalb der Kirche und verurteilen jede Form, solche Diskussionen – womöglich sogar mit arbeitsrechtlichen Instrumenten – zu unterbinden. Aktuell sind wir Zeuginnen und Zeugen intransparenter Vorgänge im Erzbistum Köln. Wir fordern, diese vollständig offen zu legen und insbesondere die Ergebnisse aus dem Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl zugänglich zu machen. Außerdem muss für weitere Untersuchungen eine unabhängige Kommission vergleichbare Prozesse und anzuwendende Methoden definieren und die Ergebnisse diözesanübergreifend evaluieren.

Im Juni 2020 hat die DBK mit der Bundesregierung eine „Gemeinsame Erklärung über verbindliche Kriterien und Standards für eine unabhängige Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland“ unterzeichnet. Wir fordern die Bischöfe auf, die Vereinbarung in ihren Bistümern konsequent und entschlossen umzusetzen. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken verpflichtet sich, die Aufarbeitung kritisch zu begleiten. Dafür mandatiert das ZdK eines seiner Gremien, das Gespräch mit den Betroffenen zu suchen, mit ihnen gemeinsame Perspektiven zu entwickeln und Kontrollinstanzen zu überlegen, die Fortschritte in der Aufarbeitung sicherstellen können. Parallel sollen notwendige Reformen der katholischen Kirche im Zuge des synodalen Weges vorangetrieben werden. Leitend muss die Perspektive der Betroffenen sein. (Verabschiedet am Freitag, dem 20. November 2020)

„Mir ist gegeben“

Edito 2020/4. Ich empfinde mich als spiritueller Mensch. Und das wurde mir wohl schon als Kind eingepflanzt. Mein reformierter Fünftklasslehrer sagte meiner Mutter: Adrian wird ein Pfarrer werden. Nun – Pfarrer wurde ich nicht, aber Kapuziner und begeisterter Theologe. Und noch heute werde ich in der Auseinandersetzung mit Franz von Assisi, Jesus von Nazareth und theologischen Fragen heiss.

Solche Themen sprechen mich an und betreffen mich persönlich sehr. Religiöses Fragen und Suchen ist mir auf den Weg gegeben worden. Wie weit es mir – quasi natürlich – in die Wiege gelegt wurde oder wie weit ich durch Eltern und den Tod von mir lieben Menschen geprägt worden bin, wäre eine noch zu vertiefende Frage.

Ja, vieles wurde mir auf den Lebensweg mitgegeben. Gewisse Dinge nehme ich vielleicht nicht einmal besonders wahr. Ich bin Schweizer und habe nichts dafür getan. Ich bin Mann, Christ, Katholik, usw. Andererseits verdanke ich meinen Mitbrüdern Kapuzinern eine lange und umfassende Ausbildung. Für dieses grossartige Geschenk danke ich von Herzen! In dieser ite-Ausgabe mit dem Titel «Mir ist gegeben» denken und spüren wir aus unterschiedlichen Perspektiven diesem «Gegeben-Sein» nach.

Wir sehen, dass Jesus von Nazareth von Gaben spricht, die uns gegeben sind, um am Reich Gottes mitzubauen. Franz von Assisi macht die Erfahrung, dass er nicht alleine auf dem Weg ist, sondern dass Gott ihm Brüder auf den Weg gegeben hat. Heute ist es sicher von Bedeutung, dass den Jugendlichen Bildung mit auf den Weg gegeben wird. Vor allem von älteren Frauen höre ich sagen, dass ihnen – da Frauen im Laufe ihres Lebensplanes ja sowie so heiraten werden – Bildung vorenthalten wurde. Zum Glück haben da die Schwestern von Ingenbohl, Menzingen, Baldegg und das Seraphische Liebeswerk Solothurn schon früh dagegengehalten!

Heute ist es nicht mehr die Frage nach der Bildung an sich, sondern das «Wie» der Gestaltung von Bildung, die in der Schweiz zu intensiven Diskussionen führt. Ach ja, erst mit dem Erarbeiten dieser Heftnummer lernte ich, dass Lehrplan 21 nichts mit dem 21. Jahrhundert zu tun hat, sondern lediglich aussagt, dass sich 21 Kantone an diesem Lehrplan orientieren.

Liebe Leserinnen und Leser, ich wünsche Ihnen viel Freude an dieser Nummer und hoffentlich auch ein Staunen über das, was Ihnen fürs Leben mitgegeben wurde. Und nicht zuletzt, eine Dankbarkeit, die das Herz warm werden und glücklich sein lässt.

Pace e bene

Adrian Müller

Missionskalender 2021 Edito

Liebe Leserinnen und Leser

Vor 100 Jahren sind die ersten Kapuzinerbrüder und Baldeggerschwestern nach Tansania aufgebrochen. Zuerst ging es ihnen um die christliche Glaubensverkündigung und später immer mehr um Lebensgrundlagen: Bildung und Gesundheit. An vielen dieser ursprünglichen Missionsstationen stehen heute Kirchen, Schulen und kleine Spitäler (Dispensaries) nahe beieinander. Oft sucht man vergebens nach Schweizern oder Schweizerinnen vor Ort. Tansanische Brüder, Schwestern, Lehrer und Pflegefachleute führen weiter, was die Missionare und Missionarinnen begonnen haben und bringen Früchte in Tansania.

Weitsichtige Brüder, Schwestern und Laien haben bald einmal gemerkt, dass die Missionen nicht nur Auswirkungen auf Tansania haben, sondern auch auf die Schweiz. Man sammelte nicht mehr nur Geld für die Missionen, sondern erzählte in der Schweiz von den Tansaniern. Die Kapuziner haben diesen entwicklungspolitischen Dialog bei uns vor allem mit der Zeitschrift «ite» vorangetrieben und mit dem Missionskalender den Spender und Spenderinnen gedankt.

Heute spricht man von Entwicklungs-Zusammenarbeit und von Partnerschaft. Es geht um einen kreativen Austausch der Kulturen. Doch soll und darf dabei der geistige und seelsorgerliche Austausch nicht vergessen werden. Es geht nicht nur um Wirtschaft. Wie die ersten Kapuziner, so hat auch dieser Missionskalender die Bibel ins Zentrum gestellt. Sie verbindet heute viele Menschen in Tansania und der Schweizmiteinander.

Die Redaktion hat für 2021 als Leitsatz für den Missionskalender einen Vers aus dem Johannes-Evangelium gewählt: «Ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt» (Joh 15,16). Ja, viele Früchte sind heute in Tansania und in der Schweiz zu sehen. Dafür wollen wir Brüder allen Beteiligten herzlich Danke sagen. Nicht alle, aber viele Früchte sind geblieben und heute noch zu geniessen.

Nicht zu vergessen sind die Früchte, die uns die Missionare und später auch die Tansanier selber aus dem Süden in die Schweiz gebracht haben. Als junger Mann, vor meiner ersten Afrikareise nach Ruanda, war ich fasziniert von der «Bantu-Philosophie»; später, in der Theologie, dachte ich über den «Schwarzen Christus» nach. Oder heute in der Fachkommission von «Film für eine Welt» begeistert mich das vielfältige, kritische und kreative Filmschaffen aus dem Süden. Eine echte Bereicherung. Danke! Meine besten Glückwünsche zu diesem hundertjährigen Kulturaustausch und den guten Früchten, die geblieben sind. Weitere, bleibende Früchte wünsche ich mir.

Pace e bene

Adrian Müller

Mächtigen an den Karren fahren

In der heutigen Welt gibt es viele Mächtige und nicht alle von ihnen kann man sich zum Vorbild nehmen. Und das auch in Ländern in denen ich mir anderes wünschen würde. Darum spricht man heute gerne von Narzissmus. Nun, die Bibel nimmt das Thema auf mit David – ja, auch er war nicht nur ein poetischer Musiker und Liederdichter. Ab 2. Samuel 11 ist da einiges zu sehen und zu lernen. Gott schaut genau hin und reagiert dann. Was dabei herauskommt kann man ab dem 16. Oktober bei der Telebibel Zürich hören. Vielleicht eine gute Inspiration für den amerikanischen Wahlkampf?! Aber zuerst einmal für unser Leben, damit Gerechtigkeit und Frieden blühen können.

Glauben dank Fragen

Nach zwei Jahren Guardian in Luzern und acht Jahren Guardian in Rapperswil darf ich nun dieses Amt weitergeben. Allen Geschwistern und Menschen einen herzlichen Dank für ihre jahrelange Unterstützung! Zum Abschluss hatte ich Lust in einem Gottesdienst den Tisch des Wortes zu bereiten. Das Tagesevangelium stellt Fragen und war eine schöne Herausforderung, die mich die letzten Monate begleitet haben. Im Folgenden meine Worte.

Lied

Kanon: Ich will dir danken, weil du meinen Namen kennst, Gott meines Lebens.

Ansprache

Liebe Gottesdienstbesucher und -besucherinnen

Wer ist ein Christ? Können Agnostiker und sogar Atheisten Christen, Christinnen sein?

Diesen Sommer habe ich Artikel einer Tagung zum Thema RELIGIÖSE IDENTITÄT UND ERNEUERUNG IM 21. JAHRHUNDERT; JÜDISCHE, CHRISTLICHE UND MUSLIMISCHE PERSPEKTIVEN gelesen. Darin schreibt der amerikanische Jude Anson Laytner:

«Eine Umfrage unter amerikanischen Juden lieferte folgende Ergebnisse: 22 % der Teilnehmer bezeichneten sich als „nicht religiös“, und die Mehrheit hielt Religion nicht für ein primäres Merkmal der jüdischen Identität. Für 62 % basierte ihre jüdische Identität auf Abstammung und Kultur, während nur für 15 % die Religion die Grundlage bildete. Von den Juden, die das Judentum als ihre Religion angaben, sahen trotzdem 55 % in Abstammung und Kultur die Basis ihrer jüdischen Identität und 66 % hielten den Glauben an Gott nicht für eine unabdingbare Voraussetzung für die jüdische Identität.» Anson Laytner folgert: «Juden können Agnostiker und sogar Atheisten sein und sich dennoch selbst als Juden sehen».

Und wie steht das mit uns Christen? Nach der Reformation in Europa hiess es: «Cuius regio, eius religio». In Deutsch also «wessen Gebiet, dessen Religion». Der Herrscher eines Landes ist berechtigt, die Religion für dessen Bewohner vorzugeben. Ist dem heute ganz anders? Sind wir selbstbestimmt? Als Kind liessen mich meine Eltern taufen, schickten mich in den Religionsunterricht und sozialisierten mich römisch-katholisch. Sehr wahrscheinlich müssen die meisten unter uns sagen: Meine Eltern, die Schule und die konkrete Kirche haben mir die christliche Religion und die römisch-katholische Konfession auf den Weg gegeben.

Ist das schlecht oder falsch? Es lässt sich dies auch von religiösen Grössen sagen. Jesus von Nazareth ist dank seiner Geburt Jude und dann von seinen Eltern entsprechend sozialisiert worden. Die Bibel erzählt davon. Dasselbe gilt von Franz von Assisi. Was wäre Franz geworden, wenn er in einer jüdischen, muslimischen, hinduistischen oder buddhistischen Familie geboren wäre? Wir bewegen uns hier im Bereich der uns gegebenen, extrinsischen, familiären Religiosität.

Vor allem Menschen in Freikirchen sagen manchmal: Am 24. September 1983 ist mir Jesus begegnet. Seither bin ich Christ. Liebe Gottesdienstteilnehmer und -teilnehmerinnen. Das kann ich von mir nicht behaupten. Ich habe in meinem Leben Momente erlebt, da ich von Gottesnähe sprechen würde. Aber eine Anweisung zum Christsein bekam ich keine, weder von Jesus, noch von einem Engel, noch von Gott selber. Ist das schlimm?

Menschen, die sich mit Mystik beschäftigen, haben mit Franz von Assisi ein Problem. Der religiöse Virtuose Franziskus kann in seinem Leben keine mystischen Erlebnisse vorweisen. Auf die Stigmata kurz vor seinem Tod und ihre Historizität kann ich hier nicht eingehen. Und trotzdem, die Jesusnachfolge war Franziskus sehr wichtig. Die Evangelien hat er eingehendst studiert und ist in den Fuss-Stapfen Jesu gewandert.

Aber eines hatte Franziskus – und das betont heute besonders die Religionspädagogik. Franziskus hatte viele Fragen und hat sich mit diesen persönlichen Anliegen Tage, ja Wochen in die Stille zurückgezogen. Mein Mitbruder und Franziskusforscher Niklaus Kuster sagt: «Gegen Ende seines Lebens hat sich Franziskus im Jahr um die zweihundert Tage in die Einsiedeleien zurückgezogen». Da hat der Heilige gebetet, meditiert und seine Fragen und Sorgen vor Gott hingetragen.

Der amerikanische Religionspsychologe Kenneth Pargament nennt neben dem extrinsisch und intrinsisch orientierten Glauben die religiöse «Fragen-Orientierung». Darin steht die Komplexität des Glaubens, die Vorläufigkeit und der Zweifel im Vordergrund.

So würde ich heute zusammenfassend sagen, mein Glaube wurde mir von meinen Eltern, Schule und Kultur extrinsisch gebildet, durch die Nähe Gottes intrinsisch gestärkt und durch stets neues Fragen und Suchen am Leben erhalten. Mein Glauben lebt dank den Fragen und Widersprüchen. Und diese gilt es auszuhalten!

Liebe Gottesdienstbesucher und -besucherinnen. Man könnte ja einwenden, für uns Christen gibt es die Bibel und somit ist alles klar. Ist dem so einfach? Nein, ich denke nicht. Ansonsten müssten wir heute unser Tagesevangelium aus dem Matthäusevangelium streichen. Auch hier, Widersprüche und offene Fragen!

Tagesgebet

Gott, der du uns alle bei Namen kennst und liebst,

in deinem Sohn bist du Mensch geworden, hast geheilt und versöhnt,

dich aber auch für Gerechtigkeit und Frieden eingesetzt.

Steh du uns bei in unserem Handeln, dass wir genau hinschauen,

Ungerechtigkeit benennen und uns für den Frieden einsetzen.

Darum bitten …

Evangelium

15 Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen.

16 Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde.

17 Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.

18 Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.

19 Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. 20 Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.       Mt 18,15-20

Predigt

Liebe Brüder und Schwestern

Da bin ich aber nun erstaunt. Hallo Matthäus, was ist denn da los? Gläubige zum Judentum oder aus der Kirche hinauswerfen? Das geht doch gar nicht!

Der eingangs zitierte amerikanische Jude Anson Laytner hält in seinem Artikel fest, dass das Judentum nicht primär eine Religion bezeichnet, sondern ein Volk, für gläubige Juden das Volk Gottes. Im orthodoxen und im konservativen Judentum ist Jude, wer eine jüdische Mutter hat. Jude Sein ist unverlierbar wie auch mein Schweizer sein. Den Schweizer Pass kann mir niemand nehmen.

Römisch-katholischer Christ bin ich, weil ich getauft bin. Und das kann mir auch niemand nehmen, nicht einmal ein Papst. Gut, es gibt pädagogische Strafmassnahmen in der katholischen Kirche. Hans Küng wurde die Lehrerlaubnis entzogen. Verheiratete Priester dürfen nicht mehr Messe feiern. Und machen sie es trotzdem, dann heisst es kirchenrechtlich korrekt: gültige Messfeier, aber unerlaubt. Anderen wird die Kommunion verboten. Doch ein Rauswurf aus der Kirche gibt es nicht.

Doch muss man differenzierter hinschauen. Ausschlüsse gibt es bei religiösen Gruppen und Sekten, aber nicht bei Völkern oder bei Grosskirchen. Ich gehe davon aus, dass einige Freikirchen im Zürcher Oberland den Ausschluss aus der Gemeinschaft kennen.

Persönlich kenne ich Menschen aus dem Emmental, die aus ihren Täufer Gruppen ausgeschlossen wurden. Da ist eine Frau, die als Kind ihren Bruder nicht mehr sehen durfte, weil die Ältesten ihn aus der Gemeinde ausgeschlossen hatten. Im Judentum gibt es ähnliche Kleingruppen. So habe ich den Roman «Überbitten» gelesen. Da erzählt eine junge amerikanische Jüdin von ihrem Ausschluss aus ihrer Gemeinschaft. Okay. Sie selber betrachtet sich noch immer als Jüdin – und ist es ja auch.

Wieso nimmt nur der Evangelist Matthäus die Gemeinderegel in sein Evangelium auf und pocht auf den Ausschluss von Gemeindemitgliedern? Und das erst noch nachdem er im Evangelium vorher vom Hirten erzählt, der das verlorene Schaf sucht und alle anderen Schafe stehen lässt. Und die unserem Textabschnitt folgende Jesusgeschichte erzählt, dass man 77mal vergeben soll. Was ist hier los, Matthäus? Denken wir daran, Jesus wurde von den Römern gekreuzigt, er hatte Probleme mit seinen religiösen jüdischen Obrigkeiten, doch kein Jude kam 30 nach Christus auf die Idee, Jesus von Nazareth aus dem Judentum auszuschliessen. Maria, seine Mutter war ja Jüdin mit einer wunderbaren jüdischen Abstammungslinie. Okay, es waren die Römer, die vom König der Juden sprachen, doch Jesus wurde als Jude gekreuzigt.

Der Evangelist Matthäus ist Judenchrist, d.h. immer noch Jude, aber auch Christ, und vertritt eine weisheitliche Theologie des sogenannten «do ut des»; ich gebe und darum gibst du mir. Dies ganz im Unterschied zu einem Evangelisten Lukas oder ich würde auch meinen zu einem Jesus von Nazareth. Bei Matthäus gibt es Vergebung nur mit Gegenleistung. Wir kennen die Bibelstelle vom Vater unser, wo bei Matthäus der Vater nur vergibt, wenn auch wir vergeben. Das Lukasevangelium kennt solche Bedingungen nicht. In der Theologiegeschichte geht es hier um die Frage der teuren und billigen Gnade.

Doch wieso den Ausschluss aus der Gemeinde bei Matthäus? Da müssen wir wie heute auch auf die kleinen Gruppen Bezug nehmen. In der Zeit vor und nach der Zerstörung des Tempels um 70 nach Christus zerfällt das Judentum in kleine sich konkurrierende Gruppen. Alle wollten die wahren Juden sein. Die Essener kannten zu dieser Zeit den Ausschluss unwürdiger Mitglieder. Die Gemeinde von Qumran kannte den Ausschluss, wie in ihrer Regel nachzulesen ist. Aber auch die pharisäische Genossenschaft kannte eine Ausschlussmöglichkeit. Und für den Judenchristen Matthäus besonders ärgerlich, das pharisäische Judentum, das aus den Wirren in dieser Zeit als das rabbinische Judentum weiterlebte, hat am Konzil von Jaffna, 65 nach Christus, die Judenchristen aus dem Judentum ausgeschlossen. Sie sagten: «Man kann nicht Jude sein und an den Messias Jesus von Nazareth glauben». Echte Juden warten noch auf den Messias! Und so entsteht in einem langsamen Prozess bis etwa 90 nach Christus das Christentum als eigene Religionsgemeinschaft, das sich auch selbst nicht mehr übers Judentum definiert.

Nun, liebe Brüder und Schwestern, wie gehen wir heute mit diesem Text um. Was könnte er uns heute sagen? Die Bibelwissenschaft kennt vier Grundtypen von Erklärungsmöglichkeiten. Der vierte Grundtyp, d.h. Gegensätze stehen lassen und zu offenen Fragen zu stehen, den favorisiere ich persönlich, wie ich schon zu Beginn dieses Gottesdienstes gezeigt habe. Doch möchte ich hier in der Predigt einen pädagogischen Ansatz für die Deutung aufgreifen, wie er auch schon in der Zeit nach der konstantinischen Wende, ab dem 4. Jahrhundert in Mode kam. Der Text gilt dann als Erziehungsmassnahme und nicht als Aussage über Gottes Barmherzigkeit oder Vergebung. Und tönt dann konkret in meinen Worten so:

Lieber Leute

  • Es kann ja sein, dass wir 77mal vergeben sollen, doch schauen wir bei Priestern, Ordensleuten und Jugendarbeitern, die Knaben pädophil missbrauchen nicht weg. Das darf es nicht geben.
  • Es kann ja sein, dass wir 77mal vergeben sollen, doch schauen wir bei Arbeitgebern, die den Frauen 10% weniger Lohn bezahlen nicht weg. Das ist ungerecht und wollen wir nicht.
  • Es kann ja sein, dass wir 77mal vergeben sollen, doch schauen wir nicht weg, wenn weisse Menschen sich als Überrasse sehen und Menschen anderer Hautfarbe diskriminieren. Sie haben dieselbe Würde wie wir.
  • Es kann ja sein, dass wir 77mal vergeben sollen, doch schauen wir hin, wenn Menschen in unserer Umgebung geplagt und gemoppt werden. Das ist unfair.
  • Es kann ja sein, dass wir 77mal vergeben sollen, doch … ihr kennt wohl noch einige solche Beispiele, wo wir hinschauen und nicht wegschauen wollen.

Doch kennt der Evangeliumstext von Matthäus nicht nur den Drohfinger, sondern er ermutigt uns hier und jetzt zu beten: «Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten».

Das Gebet von Christoph Oetinger als Fürbitten

Gib mir Gott die Gelassenheit Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann.

A: Wir bitten dich erhöre uns.

Gib mir Gott den Mut Dinge zu ändern, die ich ändern kann.

A: Wir bitten dich erhöre uns.

Gib mir Gott die Weisheit das eine von dem andern zu unterscheiden.

A: Wir bitten dich erhöre uns.