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Herz oder Hirn oder besser Asche?

Bis vor Kurzem meinte man, dass Reliquien ein Thema früherer Zeiten seien. Nun sind in Assisi Reliquien wieder Event geworden. Knochen von Franz von Assisi in der Unterkirche von San Francesco, der restaurierte Körper von Carlo Acutis in der Santa Maria Maggiore, und dessen Herz macht Zwischenhalt in der Kirche San Rufino. Es ist heute wieder verbreitet, dass der Mensch als Materie wahrgenommen wird. Glaubt man der Neurologie, dann sitzt das Zentrale des Menschen im Hirn, und von da scheint das Menschsein gesteuert zu werden. Oder ist vielleicht doch der ganze Körper massgeblich, wie es beispielsweise die Phänomenologie beschreibt? Für Phänomenologen wie Thomas Fuchs ist das Hirn das Beziehungsorgan. Aber es geht mir hier nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung und Diskussion. Vielleicht nicht einmal um Antworten, sondern lediglich um einige Fragen zum Menschen und dem Umgang mit seinen sterblichen Überresten nach dem Tod.

Modern wäre Kryonik

Sterblichkeit oder vielmehr Unsterblichkeit ist nicht erst seit heute Thema, in den vergangenen Jahren aber wieder vermehrt aktuell. Superreiche investieren Milliarden, um noch älter zu werden oder gar nicht mehr zu sterben. Es ist dies ein grosser Hype. Und wenn doch sterben, dann lässt man sich einfrieren (etwas vereinfacht ausgedrückt) um später wieder aufzutauen und zum Leben erweckt zu werden. Kryonik, wie der Fachausdruck dafür lautet, meint insbesondere das „Einfrieren“ nach dem Tod und «Aufbewahren» von Menschen, die schon zu Lebzeiten entsprechende Verträge mit kommerziellen Anbietern geschlossen haben und auf eine technische Innovation hoffen, die ihnen ein Weiterleben in der Zukunft ermöglichen soll (vgl. Wikipedia). Auch in der Schweiz ist dieses Geschäftsfeld unter Reichen verbreitet. Wessen Budget nicht für den gesamten Körper reicht, friert nur den Kopf ein – und hofft darauf, mittels seiner wiederbelebten Hirnmasse später erneut zum Leben erweckt zu werden.

Mir stellt sich ob all den Bemühungen um ewiges Leben die Frage nach dem Menschen an sich.
Was macht mich aus? Meine Knochen, welche sich auf Grund der Zellerneuerung innerhalb kurzer Zeit ständig erneuern? Oder doch mein Herz, mein ganzer Körper oder das Hirn? Auch deren Zellen erneuern sich laufend. Ein lebendiger Organismus lebt von steter Veränderung und Erneuerung. Ich bin wesentlich mehr als die Materie, aus der ich geschaffen bin. Das menschliche Ich bleibt in seiner Substanz, mindestens bis anhin, letztlich Geheimnis. Da hilft nur Staunen und sich vom Leben betreffen lassen.

Ob davon auch etwas zum Tragen kommt, wenn Reliquien bedeutender Menschen ausgestellt werden?
Das Herz von Carlo Acutis wurde 2019 bei der Exhumierung entnommen und wird seitdem als kostbare Reliquie in einem kunstvollen Reliquiar aufbewahrt. Es zieht Pilger aus der ganzen Welt an und wird aktuell auf einer Reliquien-Tournee durch verschiedene Städte Europas gezeigt. Gleichzeitig scheint eine Herz-Reliquie in der Kirche San Rufino aufbewahrt zu sein – vielleicht ist sein Herz nun also zerteilt und an vielen Orten zu finden? Nun denn: Es ist jedenfalls nicht nur ein physisches Überbleibsel seines Körpers, sondern auch Symbol für seine spirituelle Hingabe und sein Vermächtnis als vom Papst Heiliggesprochener. Durch die zur Schau Stellung seines Herzens soll Carlos spirituelle Präsenz und sein Einfluss auf die Gläubigen weiterhin spürbar bleiben, obwohl er physisch nicht mehr unter uns weilt, und sie inspirieren bzw. ermutigen, durch seine Geschichte und seine Werke ihren eigenen Glauben zu vertiefen und zu verbreiten. (Vgl. chip)

Fazit

Es geht bei diesem Reliquienkult also primär nicht um eine materielle, sondern um eine symbolische Dimension. Da darf man gewiss unterschiedlicher Ansicht darüber sein.
Persönlich möchte ich aber meinen Körper nach meinem Tod nicht ausgestellt wissen. Vielleicht allerdings meine Asche an einem Ort begraben wissen, wo Menschen sich erinnern können. Ohne materielle oder symbolische Überbleibsel (also Reliquien), sondern ein Ort zum Verweilen in Gedanken an dieses Geheimnis «Mensch», dessen Ursprung christlich geglaubt die Liebe des Schöpfers, der Schöpferin ist.

Vgl. Franziskanische Gemeinschaft

16. März 2026

Da lief nicht alles rund

Bruder Josef Bründler, der seit zwei Jahren in Luzern lebt und vorher im Kloster Olten als Guardian wirkte. Heute darf er versöhnt und dankbar durchs Leben gehen.

 

In Bruder Josef Adern fliesst Blut von Bruder Klaus. Ihm gefällt das Buch «Fernnahe Liebe» von Niklaus Kuster und Nadia Rudolf von Rohr. Das Buch erzählt von Bruder Klaus aus der Sicht seiner Frau Dorothea. Die Beziehung meiner beiden «Verwandten» ist spannend. Ich liebe historische Romane», antwortet Bruder Josef lachend auf den Buch-Tipp. Gut, vielleicht müsste man statt Fachbücher mal einen fesselnden Roman zu Bruder Klaus schreiben! Glänzende Augen bekommt Bruder Josef, wenn er von Ken Follet und dessen historischen Romanen erzählt. Diese hätten mehr als tausend Seiten erzählt Josef glücklich. Gelesen wird abends im Bett. Ich merke dies dann morgens beim Aufstehen – und wohl die Mitbrüder im Morgengebet.

Menschlich und dankbar

Eben hat Bruder Josef einen Roman von Martin Sutter begonnen: Der letzte Weynfeldt. Suter habe wie Ken Follet eine menschliche Art Geschichten zu erzählen. Ein menschlicher Erzählstil meint erstens eine verständliche Sprache und spannende Alltagssituationen. Der letzte Weynfeldt sei ein alter Mann mit seinen «Mücken und Tücken»; er gestalte sein Leben originell. Originelle Menschen mag Bruder Josef sehr. Er selbst müsse nicht mehr viel verändern und auf den Kopf stellen. Versöhnt und dankbar gehe er heute durchs Leben.

Bruder Josef stammt aus einfachen und bescheidenen Verhältnissen. In der Familie zählten die Beziehungen und das schenkte ihm eine gute Beheimatung. Dankbar dürfe er auf seine Kindheit wie auf sein Leben zurückschauen. Seine Familie war ihm ein Geschenk und dann auch das Ordensleben. Dabei betont er jedoch, dass sie damals zehn junge Männer waren, die sich auf den Weg gemacht haben. Und es sei wichtig gewesen, dass sich die Kursgenossen gegenseitig gestützt und motiviert hätten. Das sieht er heute als eine grosse Schwierigkeit für junge Brüder, die zumeist ziemlich alleine auf den Weg gingen. Ob er ohne Kursgenossen da wäre, wo er heute ist, weiss er nicht genau.

Da lief nicht alles Rund

Klar dürfe man ihn fragen, wieso er sich versöhnen musste. Er habe im Leben einiges bereut. In der Studentenzeit war er in der Studentenverbindung und habe da mehr Geld verprasst, als er eigentlich hatte. Das wäre nicht nötig gewesen. Auch mit Rauchen habe er bis zum 12.12.2012 viel Geld verpufft. Nein, seither rauche er nur noch in den Träumen, meint er schmunzelnd. Jetzt sei die Freiheit aber wieder zurück. Nicht die körperlichen, aber die psychischen Folgen der Sucht waren erheblich. Auch sein Umfeld habe bei seinem Rauch-Stopp gelitten. Arme Mitbrüder!

Wie bei Bruder Adolf ist Bruder Josef das Gebet von Bruder Klaus sehr wichtig. Es ist unter anderem das Gebet von einem Verwandten, meint er mit einem gewissen Schalk. Im Bruder-Klausen-Gebet spricht ihn der Ausdruck von Vertrauen in Gott sehr an. Hinzu kommt, dass Bruder Klaus auch aus diesem Vertrauen lebte und handelte: «Klaus hat es auch vorgelebt!» Bruder Klaus konnte nur aufbrechen und gehen, weil er «dem Herrgott vertraute». Wichtig ist Bruder Josef auch, dass dieses Gebet in die Volksfrömmigkeit einging und Menschen es in jeder Situation beten können.

Menschen-nah

«Volksfrömmigkeit prägt mich sehr und schätze ich enorm», betont Bruder Josef. So waren auch die Geheimnisse des Rosenkranzes ein steter Begleiter von Jugend an. Darin formuliert sich ein tragendes Glaubensfundament. Wenn er im Kloster ein Gemeinschaftsgebet verpasse, dann meditiert er im Zug oder beim Gehen diese Glaubensgeheimnisse und sie sind ihm Nahrung. Ja, vor der Volksfrömmigkeit habe er Respekt!

Die fünfzehn Geheimnisse der drei Rosenkränze sind wie ein Geländer und in Gedanken lässt sich gut damit entlang gehen. Plötzlich beginnt Bruder Josef zu lachen: «Sie sind natürlich auch eine gute Gedächtnis-Stütze!» Häufig zelebriert Bruder Josef in Kirchen der Umgebung. Da läuft er gerne zu Fuss hin und macht sich bewusst und meditativ auf den Weg. In Gedanken nehme er da oft auch Menschen, sie sich ihm anvertraut haben, mit. Aber, nein, in schwierigen Zeiten bete ich eher nicht. Es ist nicht die Not, die ihn beten lehrt.

Macht euch keine Sorgen

Nehemia 8,10: Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke. Ist Bruder Josefs liebstes Bibelzitat. Und wer mit ihm zusammenlebt, hat dieses Zitat auch schon gehört. Diese Worte fanden ihn vor langer Zeit, als er sich für Exerzitien zurückgezogen hatte. Es ist dies ein Grundgedanke, der ihn seither begleitet und macht immer wieder Eindruck auf ihn. «Der Glaube schenkt mir Freude am Leben!» Und das gäbe auch Freude an Gott selber.

Post Scriptum: Hier noch das ganze Nehemia-Zitat, weil es auch zu Bruder Josef Bründler passen würde: Dann sagte Nehemia zu ihnen: Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süssen Wein! Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben; denn heute ist ein heiliger Tag zur Ehre unseres Herrn. Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.

Vgl. Gschicht zum Gsicht

16. März 2026

Probieren, auch wenn es nicht immer gelingt

Bruder Adolf Schmitter, der seit gut zwanzig Jahren im Kapuzinerkloster Wesemlin lebt und am 21. Februar seinen neunzigsten Geburtstag feiern darf, hat in dieser langen Zeit das geistliche Leben des Hauses in stiller Treue und grosser Herzlichkeit mitgetragen.

«Glaube bedeutet Weg und mein Glaubensweg gab mir Lebens-Sinn – auch wenn ich die franziskanische Spiritualität nicht immer lebe», stellt Bruder Adolf Schmitter fest. Dabei ist ihm die Aussendung der Jünger durch Jesu stets eine biblische Stelle, die ihn auf seinem Weg begleitet hat (Lk 9,1-6). «Gott kennt mich und ist mit mir», prägt seine Lebenserfahrung. «Er weiss, was zu mir passt und was nicht». Bruder Adolf erlebt sich Aug in Aug mit Gott – trotzdem, es dürfte mehr sein, ergänzt er schmunzelnd.

Wie Religion vermitteln?

Das kapuzinische Leben schickte den Kapuziner nach dem Theologiestudium und der Priesterweihe in Solothurn auf den Weg. 1963 als Katechet vom Kloster Sursee aus ins Luzerner Hinterland zu Sechstklässler. Doch wie unterrichtet man Religion ohne katechetische Ausbildung?  Eine Frage, die ihn intensiv beschäftigte.  Er erinnere sich noch an die Antwort von Hilarin Felder, Leiter des Theologiestudiums Solothurn, der im Entlebucher-Dialekt sagte: «Das geyht de scho»

1964 dislozierte Bruder Adolf ins Kapuzinerkloster Zug, von wo aus er Religionslehrer bei den Sekundar- und 18jährigen Handelsschülerinnen im Mädchen-Institut Maria Opferung wurde

Gleichzeitig öffnete in Luzern das neu gegründete katechetische Institut seine Tore, eine berufsbegleitende Ausbildung zur Katechetin / zum Katecheten und befähigt, Religionsunterricht zu erteilen..

Br Adolf benützte diese Gelegenheit und besuchte Kurse, die ihm halfen, methodisch abwechslungsreich und lebensnah die jugendlichen Schülerinnen zu unterrichten.

So hatte er einmal bei den 17-18 jährigen Schülerinnen eine zündende Idee. Ein Trimester lang mussten oder durften immer zwei Schülerinnen eine  Religions-Stunde vorbereiten und halten zu Themen, die sie  auswählen konnten oder mit denen sie sich beschäftigten. Ihm war wichtig, dass diese jungen Frauen lernten, ihre Wünsche und Probleme auch vom religiösen Standpunkt her zu hinterfragen und Lösungen zu finden. Dabei setzte sich Bruder Adolf unter die Schülerinnen und beteiligte sich an den kritischen Rückfragen. Diese Unterrichts-Methode habe den Schülerinnen gefallen.

Von 1971-1995 wechselte Br. Adolf in ein neues Arbeitsfeld.  Er wurde Arbeiterseelsorger In Ob- und Nidwalden. Die Katholische Arbeiterbewegung KAB war im Aufwind in verschiedenen Pfarreien. Aufgabe von Br. Adolf war es, an den Jahresprogrammen mitzuplanen und mitzuwirken in sozialen Seminarien und Vorträgen zu aktuellen Problemen und Fragen in der Kirche und Arbeitswelt., in Diskussionen und Entscheidungen, in Gottesdiensten, Wallfahrten und Exerzitien.

Gegen Stress im Beruf und Arbeitswelt lud Bruder Adolf zur Entspannung und Ruhe in den Meditationsraum des Kollegiums St. Fidelis Stans ein. Aber auch sonst hielt er dort gerne Meditationen für und mit Gruppen. Als Einstimmung benutzte er gerne sein Lieblingsgebet vom Bruder Klaus: «Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir; gib alles mir, was mich führet zu dir; nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir».

Plötzlich Pfarreiseelsorger

Bruder Adolf, wollte nach Spezialseelsorge wie Katechese, Arbeiterseelsorge und Erwachsenenbildung -  auch noch Pfarreiseelsorge erleben und mitgestalten helfen. Im neuen Gemeindeleitungsmodell der Pfarrei Ennetmoos wurde er Pfarreiadministrator und wirkte als Priester und Seelsorger in den verschiedenen Stufen, Lebens- und Glaubensphasen von den Säuglingen bis zu den Betagten. Dabei stand ihm ein Gemeindeleiter zur Seite -  zuerst Hans Schelbert, der als Mitarbeiter in einer anderen Pfarrei schon etwas Pfarrei-Erfahrung hatte, Das Neue Modell Pfarreileiter und Priester findet Br. Adolf eine gute Sache, voraus-gesetzt, dass es im Team stimmt.

Nach 10 Jahren suchte Hans Schelbert ein neue Pastoralstelle. Ihn löste Markus Blöse aus Deutschland als neuen Pfarreileiter ab. Mit ihm zusammen planen und wirken findet Bruder Adolf ein Geschenk und neu auch mit der Seelsorgerin Astrid Elsener.

Die verschiedenen Tätigkeiten und Einsätze haben Bruder Adolf stets herausgefordert und auch heute noch ist er – wenn nicht im Wesemlin – in Ennetmoos zu finden, so dass Mitbrüder ihn auch schon mal fragten: «Bist du eigentlich mit Ennetmoos verheiratet». «Schon ein wenig», meinte er.  Nicht zu vergessen ist, dass Bruder Adolf den heutigen Guardian vom Wesemlin ab 2011 in Ennetmoos in helvetische Kirchenverhältnisse einführte.

Ein grosser Bücher-Leser war Bruder Adolf nie. Bücher über Spiritualität und Lebenskunst vom Therapeut und Seelsorger Anselm Grün gaben und geben ihm mit, wonach sich Menschen sehnen: innere Ruhe, Seelenfrieden, Gelassenheit, Einklang mit sich selber, die eigene Mitte finden. Anselm Grün zeige auch Wege dazu auf..

Was in der Welt und Kirche geschieht, fragt er sich: was ist wirklich wesentlich? Was weiss ich? Was will ich wissen und was muss ich wissen? Da orientiert er sich hauptsächlich in den verschiedenen Medien oder Unterlagen.

Was seine Gesundheit betrifft ist er seit 2021 nach einem Zusammenbruch im Gottesdienst und anschliessendem kurzen Spitalaufenthalt stark auf Medikamente (Blutverdünnung, Altersepilepsie, Leistenbruch und anderes mehr) angewiesen. Seine beste Medizin sei aber: «Ich bin in Gott verankert und gehalten»

Was Bruder Adolf in letzter Zeit am meisten ärgert ist die Gedächtnis- und Konzentrations-Schwäche. Formulierungen fallen ihm heute schwerer. «Früher konnte ich nur noch so schwaffeln», meint er keck. Und trotzdem gibt es auch heute noch Momente, wo Bruder Adolf red- und leutselig, ja gottselig ist. Dazu wünschen wir ihm noch viele schöne Begegnungen und frohe Jahre.

Vgl. Gschicht zum Gsicht

16. März 2026

Vertikal beten - horizontal leben

Bruder Hans Portmann, der seit fünf Monaten in Luzern lebt und vorher im Kloster Ingenbohl bei Schwestern gelebt und gewirkt hat. Juristisch gehörte er damals zum Kapuzinerkloster in Schwyz. Bruder Hans stammt aus einer Familie mit neun Kindern. „Da ich überflüssig war, wurde ich auf einen fremden Bauernhof gegeben“, erinnert er sich. „Ab der Kost“ sagte man damals. Selbst die Eltern tragen nicht, war seine Lebenserfahrung. Wenn nicht Vater und Mutter, wer begleitet dann? Bruder Hans fand in den Psalmen eine Antwort. Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf, ist in Psalm 27, Vers 10, zu lesen. Wie Schuppen fiel es ihm vor den Augen. Der HERR nimmt mich auf! Dabei ist der Betende in Psalm 27 zuerst ein Suchender, ein Rufender: Vernimm, o HERR, mein lautes Rufen; sei mir gnädig, und erhöre mich! Verbirg nicht dein Gesicht vor mir; weise deinen Knecht im Zorn nicht ab! Du wurdest meine Hilfe. Verstoss mich nicht, verlass mich nicht, du Gott meines Heiles! (Psalm 27,7-9)

In ähnlicher Sehnsucht wandte sich Bruder Hans an Gott. Und aus diesem Suchen und Schreien entstand dem Psalmbeter wie auch Br. Hans die Gewissheit: Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf. Es ist wie der Spruch Jesu in der Bergpredigt: Wer sucht, der findet (Mt 7,7). Mehrmals betont Bruder Hans, dass Psalmvers 27,10 (Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf) sein Motto ist; aber nicht ohne die Such- und Ruf-Sätze der vorangehenden Verse (7-9) zu verstehen ist. Es war und ist ein Prozess. Bald merkt Bruder Hans, dass ihm etwas fehlt. Es kann nicht nur die Ausrichtung auf Gott hin sein. «Die Horizontale Ebene fehlt», wenn nur die Ausrichtung auf Gott, die Vertikale zählt, betont er. Nur nach Oben kann keine Lösung sein.

So machte er sich auf die Suche nach Menschen. Sei dies die Gemeinschaft der Kapuziner oder im Denken der Befreiungstheologie die Armen. Bruder Hans nimmt einen Konflikt wahr zwischen der Horizontalen, die nicht immer trägt, und dem Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf, der Horizontalen. Die Horizontale ist nicht perfekt; sie ist menschlich. Spannend im Leben von Hans Portmann ist ein Berufungserlebnis. Vor dem Ordenseintritt lernte er Schreiner. Und da wurde an die Hobelbank geklopft und er zur Nachfolge eingeladen. Eine Stimme forderte ihn auf zu folgen. … das rechte Empfinden … Bruder Hans ist in der franziskanischen Spiritualität zu Hause. Doch kennt das Gemeinschaftsleben auch Konflikte. Auch darin trägt die Ausrichtung auf Gott hin.

Folgendes Gebet trug und begleitete Bruder Hans durch all die Jahre: Höchster, glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle. Besonders das rechte Empfinden betont Bruder Hans aus dem Franziskus-Gebet. Franz von Assisi hatte es in seinem Suchen im 12. Jahrhundert oft gebetet, wenn er sich in seiner Suche auf Gott hin ausrichtete. «Besonders in schwierigen Lebensphasen trägt mich dieses Gebet und die Ausrichtung auf Gott hin», ergänzt Bruder Hans nachdenklich. Die Spannung zwischen der konfliktreichen Horizontalen und der tragenden Vertikalen begleitete Bruder Hans ein Leben lang, schon im dem Theologiestudium. Bruder Hans wurde von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie sehr angesprochen und geprägt. Er verbrachte einige Jahre in Peru. Auf der Horizontalen die Armen und dann Gott, die Kraft zum Leben, auf der Vertikalen. Es blieb ihm die Erfahrung, vor Gott bin ich allein.

Der Einsatz in Peru weitet sein Denken. Bruder Hans wird grosszügiger und toleranter. Seine Kindheits- und Jugenderfahrungen prägen weiterhin: Die Eltern fehlen, Gott ist da. Mich mögen – ein Buchtipp Lesen ist nicht nur eine Leidenschaft für Bruder Hans, sondern auch ein Suchen nach Antworten zu Lebensfragen, ein wichtiges Spüren und Empfinden. Thematisch geht es oft um die Frage nach dem Leben in Gemeinschaft. Er trifft auch Menschen für geistliche Gespräche, welche ihm Weisheit vermitteln konnten. Oft zog er sich in Exerzitien, zu geistlichen Übungen zurück. Seine langjährige Erfahrung: «Soziologie und Psychologie tragen mich nicht wirklich, auch die Befreiungstheologie hat ihre Grenzen».

Vor einem Jahr wurde Bruder Hans das Buch Wie ich der wurde, den ich mag von Pierre Stutz geschenkt (Verlag bene! 2023). Besonders wichtig ist ihm heute der Satz Es ist nie zu spät so zu werden, wie wir von Anfang an gemeint sind: geborgen und frei. «Der erzählt ja meine Geschichte, das isch mis Buech», geht Bruder Hans durch den Sinn und er liest und findet sich selbst darin. «Pierre sagt nicht, du musst, du sollst. Er beschreibt und erzählt, was er erlebt hat», betont Bruder Hans. Dabei ist Pierre Stutz für Bruder Hans kein Unbekannter. Die beiden kennen sich vom Theologie-Studium her und hatten teilweise miteinander gearbeitet. Pierre Stutz hatte eine grosse Begabung mit Jugendlichen, Jugendgruppen, Jungwacht und Blauring umzugehen. Eines Tages fragte Pierre Stutz Bruder Hans, Priester, für eine Eucharistiefeier mit einer Jugendgruppe. Dabei merkte Bruder Hans, dass Pierre Stutz anders ist, andere Erfahrungen hat. Aber eben, jeder muss für sich finden: Es ist nie zu spät so zu werden, wie wir von Anfang an gemeint sind: geborgen und frei. Ein weiterer bedenkenswerter Satz von Pierre Stutz, der Bruder Hans wichtig geworden ist: Ich habe die schmerzliche und zugleich heilsame Erfahrung gemacht, dass Brüche im Leben zu einem Durchbruch zu mehr Lebendigkeit werden können. Bruder Hans erfährt mit der Auseinandersetzung dieses Buches: Es gibt nicht nur die Gottes- und Nächstenliebe, nein zuerst muss man sich auch selber lieben lernen, bevor man andere Lieben kann. Auch dies, eine wichtige Entdeckung. 

Vgl. Gschicht zum Gsicht

16. März 2026

Glauben traut der Gottes-Beziehung

Predigt vom 8. März 2026; Ex 17,3-7; Joh 4,5-42

Es gibt Menschen, die sagen, Glauben ist Noch-Nicht-Wissen. Und sobald wir alles wissen, dann braucht es keinen Glauben mehr. Ich für mich betrachte Glauben als Ausdruck einer Beziehung, nämlich unserer, meiner Gottes-Beziehung sowie Menschen-Beziehungen und nicht als Ausdruck meines Noch-Nicht-Wissens. Glauben hat mit erlebten und gepflegten Beziehungen zu tun. Dabei erfahre ich Gott unter anderem als den Anderen, das Geheimnis, die Liebe, den Barmherzigen, usw. 

Selbst in menschlichen Beziehungen erfahre ich dieses Geheimnishafte – je mehr ich jemanden kenne oder sogar liebe, desto mehr Fragen habe ich. Es zeigt sich Interesse. Nicht-Wissen, Offensein ist also auch ein Ausdruck von Liebe und Aufmerksamkeit dem anderen gegenüber. Niemand wird gerne in Schablonen gepresst. Vermutlich auch Gott nicht. Schon in der Bibel begegnen uns unterschiedliche Geschichten und Bilder menschlicher Gottesbeziehungen. Und dann erst in unserem Alltag?!

Gottes-Glauben lebt von Fragen, nämlich von Beziehungs-Fragen. Im Buch Exodus (17,3-7) hörten wir einige Fragen vom Volk wie auch von Mose. Gott antwortet und handelt, so erzählt es die Bibel. Den Ort nannte Mose Massa und Meríba, Probe und Streit, weil die Israeliten gehadert und den HERRN auf die Probe gestellt hatten, indem sie sagten: Ist der HERR in unserer Mitte oder nicht? Ex17,7 Und diese Frage des Volkes erachte ich als legitim und stellen auch wir vermutlich ab und zu: Ist Gott in unserer Mitte oder nicht? Wirkt Gott in der Kirche? Prägt diese Gottes-Beziehung mein eigenes Leben? Und eben, auch Konflikte gehören ab und zu in eine lebendige Beziehung. Erst so werden Klärungen möglich. Ich als harmonischer Mensch gehe Konflikten lieber aus dem Weg. Sie beanspruchen viel Kraft und Mut. Und trotzdem ohne das Aushalten von Konflikten gibt es keine Beziehung, keine Gottes-Beziehung.

Die lange Perikope aus dem Johannes-Evangelium, die wir heute gehört haben, kennt drei Gesprächs-Situationen Jesu. Zuerst eine ausführliche Diskussion mit der Frau aus Samárien, eine hoch-theologische Jünger-Belehrung und eine Begegnung mit den Menschen aus Samárien, die dank der Frau zum Glauben finden.

In allen drei Gesprächs-Situationen werden auch schwierige Fragen aufgeworfen. Die Samaríterin weiss um Jesu Jude-Sein und sein jüdisches Kontaktverbot mit Samarítern. Jesus weiss um die verzwickte persönliche Lebenssituation der Frau. Im Gespräch mit der Fremden offenbart sich Jesus als der Messias. Die Samaríterin hört und handelt: Aus jener Stadt kamen viele Samaríter zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin, … (Joh 4,39).

Die Frau aus Samárien wird durch ihr Zeugnis die Apostelin der Samáritaner. Irgendwie bin ich hier an Ostern erinnert und an das Osterzeugnis der Frauen am Grab. Die Samaritaner glauben jedoch, weil sie selbst in diese Beziehung mit Jesus, mit Gott eintreten. Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Rede glauben wir, denn wir haben selbst gehört und wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt. (Joh 4,42) Wie das Volk Israel entwickeln die Samaritaner im Evangelium ein Gott-Beziehungs-Wissen. Doch auch hier, Fragen und Antworten. Sie gehören zum Weg in eine Beziehung.

Und eben: Es gibt Menschen, die sagen, Glauben ist Noch-Nicht-Wissen. Und sobald wir alles wissen, dann brauchen wir keinen Glauben mehr. Ich für mich betrachte Glauben als Ausdruck einer Beziehung, nämlich unserer, meiner Gottesbeziehung und nicht als Ausdruck meines Noch-Nicht-Wissens. Glauben hat mit erlebter und lebendiger Beziehung zu tun. Und da braucht es meinen Glauben sowohl an Menschen wie an Gott und immer wieder viel Beziehungsarbeit. Viel Kraft, Mumm und Geduld trotz Konflikten, Streit und Proben wünsche ich uns. Amen.

08. März 2026

Vom Sandkastenfreund zum Variété Direktor

Vor Jahrzehnten erlebten wir unsere Abenteuer im Sandkasten. Heute staune ich über den Feuerkünstler. Raffi Kost habe ich für ITE 2026/1 besucht und einen Artikel geschrieben, v.a. viele wunderbare Fotos mit nach Hause genommen. Hier mein Artikel zu "Ich spiele am liebsten in der Nacht". 

Rafael Kost ist Direktor von Variété Pavé und lebt als Unterhaltungskünstler in einem Zirkuswagen. Vor allem in der wärmeren Jahreszeit tourt er durch die Schweiz – und manchmal auch im Ausland. Im November 2025 besuchte ITE ihn am Weihnachts-Zirkus-Zauber in Russikon. Ein Erfahrungsbericht.

Am Nachmittag hat es geschneit und Russikon zeigt sich im weissen Winterkleid. Im Märliland, beim Kerzenziehen lautes Kinderlachen, das Karussell dreht seine Runden. Im Variété Pavé ist es ruhig. Die Nachmittagsvorstellung ist vorbei und Schnee setzt sich an den Rändern der Manege an. Gegen halb fünf, es dunkelt ein, erscheinen die ersten Familien und setzen sich gespannt. Der Direktor des Varietés erscheint mit einem grossen Schaber und beginnt Schnee und Wasser von der Manege zu entfernen. Die Artisten und Artistinnen brauchen guten Halt für ihre Kunststücke. Familien und vor allem Kinder warten aufgeregt und voller Neugierde. «Es gibt Kinder, die kommen fast täglich zum Varieté», erzählt mir Rafael Kost später, nach der Vorstellung.

Feuerwehr und Feuerkünstler

Rafael Kost ist Feuerkünstler. «Feuer ist ein Lebewesen, wie ein wildes Tier», beschreibt der Feuerbändiger sein Verhältnis zu seinem Kunstobjekt. Dabei ist jeder Moment einzigartig, und vor allem der Wind spielt stets mit auf der Bühne. So muss er immer achtsam sein, was das Feuer gerade im Sinn hat.

Die Vorstellung beginnt, eine Gauklerin mit Feuerwehrhelm betritt lautstark die Manege. Auf lustige und unterhaltsame Weise versucht sie, die Feuer-Sicherheit auf der Bühne zu erklären. Und dann erst noch all die Mühen mit der Leiter, die nicht so will wie die Gaukler-Feuerwehr-Frau will. Kinder und Erwachsene lachen laut, und die Gauklerin hat das Publikum schnell im Sack. Kinder, welche die Aufführung schon mehrmals gesehen haben, fiebern dem nächsten Höhepunkt entgegen. Der Schnee fällt nicht mehr vom Himmel, es dunkelt ein und wird Nacht. Mit aller Not kann die Gauklerin die Leiter zusammenlegen und von der Bühne tragen.

 

«Feuer fasziniert in der Nacht speziell.»

 

Zwei Artisten, ein Mann und eine Frau, stürmen in die Manege und zeigen ebenfalls ihre hohe Kunst. Die Scheinwerfer fokussieren auf das Geschehen. Die beiden Künstler stehen im Lichtkegel, rundherum ist es dunkel. Dunkelheit kann eine Hilfe sein, sich auf ein spezielles Geschehen zu konzentrieren. Jetzt ist es nicht mehr lustig, eher mystisch und poetisch. Ruhigere Musik und sachte Bewegungen erfüllen den Lichtkegel. Zuschauende kommen ins Träumen und Nachdenken.

Plötzlich steigt die Spannung. Was macht die Artistin mit dem Reifen in weiten Höhen? Hoffentlich hat sie die Situation im Griff und fällt nicht herunter! Die Zuschauer sehen nur noch die Frau und ihre Bewegungen mit dem Reifen in der Luft. Alles andere verschluckt die Dunkelheit. Welch eine Grazie. Welche Anmut.

Feuer lebt

Die Gaukler-Feuerwehr bringt sich in Stellung neben dem Direktor des Varietés. Nun hat dieser Feuerkünstler ein spezielles Tischen vor sich und bald fliegt das Feuer durch die Luft. An Ringen und Stäben brennt und wirbelt es durch die Luft. Die Zuschauenden klatschen begeistert und freuen sich ausgelassen. Rafael Kost kommentiert später im Gespräch: «Feuer fasziniert in der Nacht speziell». Schon als Kind hat er mit Wundbenzin seine ersten Künste eingeübt. Okay, einmal hat mehr gebrannt, als geplant war.

Die Spannung steigt. Der Direktor führt einen brennenden Stab zu seinem Mund. Es wird still und alle halten den Atem an. Ein kleines Mädchen sagt besorgt zu ihrem Vater: «Papi, brennt er sich nicht?» Dann schnappt der Direktor den Stab mit dem Mund und das Feuer ist erloschen. Erleichtertes klatschen erfüllt die Zuschauer-Tribüne und die Besorgten sind erleichtert. Welch ein Schreck, als der Direktor Feuer speit und der Stab neu entflammt. Ein Spiel mit den Emotionen.

 

Heute spaziert Raphael Kost sehr gerne in der Nacht und spürt in die Dunkelheit hinein.

Rafael Kost besuchte, so erzählt er mir nach der Vorstellung, zuerst eine Ausbildung zum Fotolaboranten (noch vor dem digitalen Zeitalter). Da arbeitete er sehr gerne in der Dunkelkammer und lernte, sich im Dunkeln zu bewegen und zu hantieren. Heute spaziert er sehr gerne in der Nacht und spürt in die Dunkelheit hinein: Nachts im Wald, wie ein Blinder, auf Überraschungen gefasst. «Die Sensoren werden sensibler. Und manchmal stolpert man in einen Baum hinein», erzählt er begeistert. «Ja, ich bin ein Nachtmensch und viele seiner Ideen entstehen in der Nacht.»

Auftritte und weiteres: https://www.variete-pave.ch/

 

24. Februar 2026

Ich verkünde den Gekreuzigten

Vom 16. bis 28. Februar bin ich wieder mit der Zürcher Telebibel unterwegs. Hier können die Inspirationen heruntergeladen werden. Der Prediger Paulus sieht sich nicht als guten und weisen Prediger; Jesus Christus wird als der Gekreuzigte verkündet und Fasten meint primär einmal Gerechtigkeit. Da scheint die Bibel völlig aus der gegenwärtigen Welt der Erfolgreichen, Mächtigen und Egomahnen herauszufallen. Und trotzdem, je mehr ich mich mit diesen biblischen Gedanken auseinandersetze, desto mehr gefallen sie mir. Ja, sie sagen etwas in meine, in unsere Lebenssituation hinein. So kann ich mich selbst mit dem Gekreuzigten einigermassen versöhnen.

Ach ja, das müsste eigentlich nichts Neues sein. Schon Hans Küng erzählte vor fünfzig Jahren davon, dass sich die Jünger und Jüngerinnen nach der Kreuzigung Jesu von Nazareth zurückzogen, Gott aber dann Neues schuf - und dieses Neue uns bis heute faszinieren kann. Aber bis heute hat sich Gott selber nicht als der Mächtige, Umstürzlerische geoffenbart. Vielleicht als derjenige, der stets neu Leben ermöglicht und schafft.

10. Februar 2026

Wahrnehmen und wirken

Gottesdienst vom 8. Februar 2026; 1. Kor 2,1-5; Mt 5,13-16

Einleitung/Bussakt: Am 3. Februar, am Dienstag der letzten Woche, wurde eine kirchliche Medienmitteilung zur erfolgreich abgeschlossenen Pilotphase der Assessments bzw. der psychologischen Eignungsabklärungen für Priesteramtskandidaten und Seelsorgende veröffentlicht. Das scheint mir eine wichtige kirchliche Meldung zu sein. Die römisch-katholische Kirche ist und bleibt auf dem Weg. Auch ich bin vor 35 Jahren ohne psychologische Eignungsabklärung Kapuziner geworden. Einen medizinischen Gesundheitscheck des Hausarztes musste ich jedoch bringen!

Missbrauch begleitet unsere Kirche und wird uns noch einige Male aufschrecken. Die letzten beiden Perspektiven-Sendungen vom 24. Januar 2026 und vom 1. Februar 2026 nahmen das schwierige Thema wieder auf. Medien sollen dranbleiben. Das finde ich gut. Im Begleittext der Sendung ist zu lesen: Über sexuellen Missbrauch zu sprechen ist nie leicht. Nein, das ist es nicht. Und trotzdem ist es wichtig darüber zu sprechen und nicht zu schweigen! Irgendwie bekomme ich den Eindruck, dass die heutige Lesung und das Tagesevangelium uns ermutigen gut hinzuschauen und selbstkritisch nachzufragen. Wir wollen diesen Ball aufnehmen und nach unserem Glauben und nach unserer Theologie fragen. Aber zuerst einmal auch auf die kirchlich nicht nur schöne Realität zu schauen, wie es in einem katholischen Gottesdienst üblich ist.

Gott, es waren auch Kapuziner, die Missbrauch verübt haben und Brüder der Leitung, die Missbrauch verharmlost und nicht ernst genommen haben. Herr, erbarme dich.

Gott, die neuesten Aufdeckungen in Altdorf zeigen, dass auch weltliche Behörden weggeschaut und nicht gehandelt haben. Missbrauch hat auch eine gesellschaftliche Komponente. Christus, erbarme dich.

Gott, viele von uns – und da zähle ich mich dazu – haben die Betroffenen lange zu wenig oder nicht wahr- und ernstgenommen. Herr, erbarme dich.

Gott, wir haben zur Eröffnung gesungen “Tauet, Himmel, aus den Höhn, tauet den Gerechten; was verdorrt ist, blühe auf unter seinem Segen. …“ Gott, komm und erfülle uns mit deiner Gegenwart, lass uns neu werden und dem Leben, der Gerechtigkeit und dem Frieden dienen. Schenke uns Kraft zum ehrlichen Hinsehen und entsprechendem Handeln. Amen.

Predigt:

Es ist menschlich und modern, sich im Erfolg zu sonnen, grossartig zu sein.  Dazu schaue ich nicht nur nach Amerika. Interessanterweise ist das auch nicht die Absicht eines Paulus. Er sagt: Ich kam nicht zu euch, Schwestern und Brüder, um glänzende Redenoder gelehrte Weisheitvorzutragen, sondern um euch das Geheimnis Gotteszu verkünden. (1 Kor 2,1) Es geht um ein Ringen um Gottes Liebe und sein Anderssein. Paulus beabsichtigt nicht den Erfolg. Auch von Jesus Christus spricht Paulus nicht vom erfolgreichen Verkündiger und Heiler, sondern vom Gekreuzigten und durch Gottes Kraft zum Leben erweckten Hingerichteten. Gewandte und kluge Reden helfen ihm, helfen uns existenziell oft nicht weiter.

Gerne zitieren wir Christen aus dem Matthäus-Evangelium « Ihr seid das Salz der Erde.» sowie « Ihr seid das Licht der Welt» und vergessen darüber gerne, dass dies jeweils erst der Start zu einem Jesuswort ist: « Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, ausser weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden.»

Die römisch-katholische Kirche hat in den letzten Jahren vieles an ihrer Glaubwürdigkeit verloren. Manchmal habe ich den Eindruck, dass aus der Anklägerin eine Angeklagte geworden ist. Ob die Exponenten das merken? Diese Woche war wieder zu lesen: «Papst bezeichnet Abtreibungen als «Zerstörer des Friedens» - Schweizer Frauenbund hält entgegen.» «Der Frauenbund Schweiz betont, dass Frieden nicht durch die Kriminalisierung von Frauen entsteht.»

Nein, ich möchte jetzt nicht zum Schwangerschaftsabbruch predigen. Mich interessiert das Salz der Erde und das Licht der Welt. Was kann das uns heute sagen? Das Evangelium fordert die Lampe in die Höhe zu stellen, damit das Licht auch leuchtet. Für mich ist das eine Einladung zuerst einmal genau hinzusehen. Dabei spricht der Evangelist Matthäus davon, dass das Licht allen im Haus leuchten soll. Das heisst doch zuerst einmal, das Dunkel in meiner Umgebung zu sehen, wahrzunehmen. Das ist nicht ein Blick in die Ferne, zum Fremden, zum anderen. Ja, oft ist es leichter sich über die anderen zu ärgern und herzuziehen, als sich selber und sein eigenes Umfeld kritisch zu betrachten.

Jesus sagt in der Feldrede oder in der Bergpredigt: «Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?» Da frage ich mich schon, welche Balken habe ich vor meinen Augen, und welche Balken haben katholische Repräsentanten vor ihren Augen? Die Medienforschung zeigt eindeutig, dass wir gerne über die uns fernen Menschen lästern. «The Nearer, the Better»; je näher, desto positiver eine Nachricht, so habe ich in der Zeitungsanalyse gelernt und das in einer Seminararbeit für drei Schweizer Zeitungen nachgewiesen. Hätte ich das nicht selber gemacht, ich hätte es nicht geglaubt. Je weiter entfernt geografisch die Meldungen sind, desto schlechter, negativer die Berichterstattung. Ach ja, wenn mich jeweils die Negativ-Schlagzeilen belasten, dann lese ich eine Zeitlang nur noch Lokalnachrichten. Da begegnet mir mehr heile Welt als in der medialen weiten Welt!

Was bedeutet es Salz der Erde zu sein? Interessanterweise sieht man das Salz in der Suppe nicht, auch kann man es nicht visuell feststellen, ob ein Essen gut gesalzen oder schon versalzen ist. Im Bildwort geht es interessanterweise nicht um die versalzene Suppe, sondern um Salz, das seinen Geschmack verliert und so nicht mehr geniessbar ist.

All die Missbrauch-Skandale haben mir zugesetzt und mich auch verändert. Nein, es geht mir nicht mehr so leicht, mich als Christ, vor allem als Katholik zu outen. Ich möchte doch zu einer prophetischen Kirche gehören, und nicht zu einer zu einer Missbrauch schützenden Gemeinschaft. Das lädt ein, sich zurückzuziehen. Doch, vielleicht sollte ich wieder etwas mehr «Salz der Erde» werden. Nein nicht versalzen, aber doch geschmackvoll mich für Gerechtigkeit und Frieden, Leben fördernden Glauben einzusetzen. Und da gäbe es viele Übungsplätze dazu. Gerechtigkeit und Frieden werden nicht nur in der Ferne, aber auch in meiner Nähe verletzt. Habe ich da den Mut für den Schwachen, für die an den Rand gedrängte Person einzustehen. Es gibt überall, wie beim Missbrauch auch, oft Täter und Opfer. Interessanterweise war Jesus von Nazareth vor allem heilsam und befreiend unterwegs. Schranken hat er zwar auch formuliert, hat Nächstenliebe und Feindesliebe gefordert. Jesus hatte primär Augen und eine Botschaft für die Opfer, nicht für die Täter, die bösen Machthaber, Missbraucher.

Im letzten Jahr ist mir wichtig geworden, dass der Jude Jesus zu einem unterdrückten und kriegsversehrten Volk gehört hat, an den Rändern, an der Peripherie des römischen Weltreiches. Ich weiss, gelebt habe ich vier Jahre in Rom und habe da vor allem die Sicht der Römer, der Sieger, der Erfolgreichen, der Unterdrücker, der Mörder genossen. Das darf man nicht vergessen, wenn man durch Rom wandert. Franz von Assisi hat seinen Glauben übrigens in verfallenen Kirchen und unter Aussätzigen, Ausgestossenen gefunden. Da geht es nicht um eine Theologie der Sieger, sondern um Gemeinschaft mit den Randständigen, Ausgeschlossenen. Licht sein und Salz sein, sind die Stichworte des heutigen Evangeliums. Dazu wünsche ich uns viel Kraft, Ausdauer und Freude. Amen.

 

09. Februar 2026

Königinnen-Treffen

Königinnen-Treffen

Predigt vom 18. Januar 2026 im Zusammenhang mit dem Projekt „Würde wandert“, respektive www.wuerde-unantastbar.ch; 1Kor 1,1-3; Joh 1,29-34

Einleitung nach dem Einzug:

Liebe Könige, liebe Königinnen im Wesemlin

In diesen Tagen wird Luzern von speziellen König:innen besucht – und eine dieser 16 Figuren ist heute hier in der Kapuzinerkirche im Wesemlin zu Gast. Das Thema dieser Kunstaktion ist „Würde unantastbar“.

Wie viel Würde kommt einem Menschen zu – vom anderen, von anderen, vom Göttlichen? Und wie viel bleibt im Verborgenen? Die König:innen-Figuren von Ralf Knoblauch, Diakon und Holzbildhauer, sind ein möglicher Antwortversuch. Die König:innen stehen für die Würde, die alle Menschen in sich tragen, auch du und ich. Sie erinnern, mal laut, mal leise, mal imposant, mal unscheinbar, dass die Würde unantastbar ist.

Ja, auch unsere Würde ist unantastbar. Heute kommt die Königin vom Spital Luzern zu uns und geht dann weiter zur Factory der Heilsarmee. Der Spital-Seelsorger Gerald Virtbauer-Ohashi hat sie uns gebracht und auf den Altar gestellt. Vielen Dank! Darum zuerst einige Fragen an ihn …

Predigt: Liebe Getaufte, Christen und Christinnen

Woher kommt uns gläubigen Menschen Würde zu? Bei Paulus hören wir, durch unsere Berufung durch Gott „Paulus, durch Gottes Willen berufener ApostelChristi Jesu» 1. Joh 1,1, sowie unsere Heiligkeit «die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen» 1. Joh 1,2. So hörten wir es in der Lesung.

Im Moment hat ein Film, besser eine Serie viel Erfolg. Der Titel ist „The Chosen“, zu Deutsch „Die Erwählten“. Der Film schaut aus der Perspektive von Freunden und Freundinnen Jesu auf das Leben Jesu. Im Zentrum des Filmes stehen die durch Jesus von Nazareth berufenen Menschen, die einen Blick auf ihre Zeit vor 2000 Jahren und auf das Wirken von Jesus werfen. Ich finde es spannend und wichtig, auf die Menschen, auf die damals berufenen Menschen zu schauen und sich selbst auch als heute berufener Mensch wahrzunehmen. Mag sein, liebe Gottesdienstfeiernde, dass Sie auch Kirchensteuern bezahlen – und das finde ich gut und wichtig – aber zuerst einmal sind auch Sie von Gott gewollte, geschaffene und berufene Menschen und nicht lukrative Steuerzahlende. Gott gibt uns allen eine unabdingbare Würde. Dazu wünsche ich uns immer wieder neu eine gute Erinnerung und das entsprechende Bewusstsein. Kopf hoch also!

Paulus geht noch einen Schritt weiter. Er spricht von den berufenen Heiligen. Lange hatte ich mit Heiligkeit so meine Probleme. Hallo? Ich fühle mich nicht als heilig und bin ja auch nicht heiliggesprochen durch einen langen Prozess der katholischen Kirche. In der Lektüre der Texte von Franz von Assisi habe ich aber ein anderes Bild der Heiligkeit erhalten. Heiligkeit ist ein Geschenk Gottes an uns und muss ich mir nicht selbst erarbeiten oder verdienen. Darum schreibt Paulus von „die Geheiligten in Christus Jesus». Das verstehe ich bei Paulus als ein Geschenk Jesu Christi. Auch das gehört nach der heutigen Lesung zur unantastbaren Würde in Jesus Christus.

Wir haben heute einen Text aus dem Johannes-Evangelium gehört. Es geht ums Taufen. Johannes tauft mit Wasser und Jesus mit Geist. Dem Evangelisten Johannes fehlt ein Taufbericht, wie wir ihn in den Evangelien eines Markus, Lukas oder Johannes finden. In der Erwachsenenbildung habe ich früher gerne aus unterschiedlichen Jesusfilmen die Tauferzählungen gezeigt und uns nach ihrer Theologie gefragt. Ob Gospelmusik wie bei Pasolini, klassische Musik oder Rock’n’Roll unterlegt ist, das gibt der Film-Szene eine ganz andere Stimmung.

Die schreibenden vier Evangelisten haben nicht unterschiedliche Musik, aber unterschiedliche Theologien der Begegnung zwischen Jesus und Johannes unterlegt. Dem Markus ist klar, dass auch Jesus die Sündentaufe erhalten hat. Der Matthäus zeigt schon klar, dass das nicht geht. Bei Matthäus lesen wir „13 Zu dieser Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. 14 Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir? 15 Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen. Da gab Johannes nach“ (3,13-15). Im heute gelesenen Johannes-Evangelium fehlt ein eigentlicher Taufbericht Jesu durch Johannes den Täufer. Dieselbe Situation wird unterschiedlich wahrgenommen und beschrieben. Diese zu formulieren gehört meines Erachtens auch zur menschlichen Würde. JedeR ein Individuum!

Würde ist unantastbar, ist die Botschaft unserer König:innen-Figur. Damit können wir spirituell unterschiedlich umgehen, ging mir bei der Meditation der Begegnung von Johannes und Jesus auf. Dogmatisch gesehen ist Jesus ganz Mensch und ganz Gott. Doch bringen wir Menschen das nicht zusammen und stehen in der Gefahr, in Jesus von Nazareth nur Gott zu sehen und sein Menschsein nicht ernst zu nehmen. Oder manchmal auch das Gegenteil. Die Theologiegeschichte ist ein gutes Beispiel dafür. Doch – finde ich – es ist wichtig, Jesu Menschsein ernst zu nehmen. Denn auch seine menschliche Würde scheint mir unantastbar zu sein. Erst so komme ich zu der befreienden Erfahrung, dass auch die Würde meines, unseres Menschseins unantastbar ist.

Etwas aktualisierend möchte ich da hinzufügen: Diese Würde ist nicht nur einigen alten, mächtigen Männer eigen, sondern allen Menschen, weil sie nach Paulus berufen und geheiligt sind. Und diese Würde darf und soll mein Leben, Ihr Leben und aller Menschen Leben unantastbar prägen. So kann und will ich uns heute symbolisch als Könige und Königinnen ansprechen. Das zeigt und sagt uns diese König:innen-Figur in der Wallfahrtskirche im Wesemlin, die ja auch einer Königin gewidmet ist, der Maria vom Wesemlin. Und so will ich künftig, wenn ich in diese Kirche trete, stets zum Hauptaltarbild schauen, sehen dass da meine Glaubens-Schwester und Freundin eine Krone trägt und mich dabei erinnern, dass wir alle König:innen sind, und dass ihre und unsere Würde unantastbar ist. Amen.

06. Februar 2026

Vielfalt dank Paulus

Aussicht Mattli Morschach

Predigt zu Erscheinung des Herrn für franziskanische Leitungspersonen, 4. Januar 2026; Eph 3,2-6; Mt 2,1-12

Liebe Vorstehende, Vorstände und geistliche Assistenten; liebe franziskanische Miterben, liebe (Mit)Glieder der Franziskanischen Gemeinschaft. Vielfalt fordert uns heraus und ist für gelebte Geschwisterlichkeit eine echte Aufgabe. Inhaltlich ist Vielfalt im christlichen Leben nichts Neues. Schon Paulus hatte für sie zu kämpfen. Im Epheserbrief sagt er dies seinen jüdischen Geschwistern nicht zimperlich: die Heiden sind Miterben und gehören zum denselben Leib (3,6-7). Miterben finde ich einen sehr starken Ausdruck für Fremde, Heiden, Nicht-Juden, die Anderen – andere sprächen von Ausländern und Migranten. Nicht einmal der Jude Jesus hatte zu Lebzeiten wie Paulus gedacht und gehandelt. Jesus von Nazareth fühlte sich zuerst einmal für sein jüdisches Volk gesandt. Paulus war eben der vom Geist berufene Heiden-Apostel. Und dank der Vielfalt der Völker, welche Paulus einfordert, können auch wir Helvetier, Schweizer, Miterben, unbeschnittene Christen und Christinnen sein.

Die Leibmetapher des Paulus ist ein sehr schönes Bild. Kirche als Leib mit vielfältigen Körperteilen und Organen beinhaltet Vielfalt. Für uns franziskanische Menschen bedeutet Teilhabe am franziskanischen Leib, gemeinsam zur selben Bewegung zu gehören und vielfältige Gaben einzubringen. Schon Franz von Assisi musste von einigen seiner Idealen Abschied nehmen, um der Vielfalt seiner Bewegung Rechnung zu tragen. Franziskus ging sogar so weit, dass er nach der Rückkehr aus dem heiligen Land seine Leitungsfunktion abgab, um sich intensiver seiner spirituellen Aufgabe zu widmen – innerhalb und ausserhalb seines Ordens. In der franziskanischen Bewegung gibt es unterschiedliche Glieder, Gaben, Charismen und Aufgaben. Franziskus sah sich nicht zur Leitung berufen und übergab diese Aufgabe mehreren Menschen. Welch eine Demut und Einsicht! Und schaut man sein Bild vom vollkommenen Bruder an, dann besteht dieses Bild für Franz von Assisi aus zehn Brüdern (Bernhard, Leo, Angelus, Massäus, Ägidius, Rufinus, Juniperus, Johannes, Rogerius, Lucidus) und ihren Fähigkeiten und Charaktereigenschaften! (Vgl. Spiegel der Vollkommenheit 85, FQ 1285-1286). Einfach genial! Man muss seine Geschwister also gut kennen.

An Erscheinung des Herrn feiern wir die zweite Weihnachten und fühlen uns besonders mit den Ostkirchen verbunden, die Anfang Januar ihre echten Weihnachten feiern. Im Festtagsevangelium geht es um die Sterndeuter, die aus dem Osten nach Jerusalem kamen. Also sicher nicht Juden und keine Zugehörige vom Volk Israel. An der Krippe begegnet uns im Matthäus-Evangelium schon die Vielfalt der Völker und der Menschen.

Bei Matthäus hörten wir: «Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr grosser Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm» (Mt 2,10-11). Interessanterweise fanden die Weisen nicht direkt zum Jesuskind. Warum nicht?

Die Weisen erwarteten das Heil, den neuen König in einem Palast, bei Reichen und Mächtigen. Erst als sie wieder ihrem Stern und später ihrem Traum Beachtung schenkten und vertrauten, fanden sie auf den Weg zur Krippe und in ihre Heimat zurück. Auf dem Weg zur Krippe muss man weder auf Könige noch auf Schriftgelehrte und Hohenpriester achten – auch wenn Theologen manchmal auch Wichtiges zu sagen haben. Die drei Weisen mussten gemeinsam (das scheint die erste franziskanische Bruderschaft zu sein?) auf den Stern schauen, um die Krippe zu finden. Auch mussten sie ihre Vorstellungen in Frage stellen und wegwerfen. Nicht in Palästen und nicht militärisch geschützt findet sich das Heil, sondern draussen im Stall, bei Menschen, die unterwegs sind, finden wir das Kind in der Krippe. Ein Thema, das mich heute sehr beschäftigt. Frieden und Gewalt unter uns Menschen? Wie geht das? Aber nicht naiv! Weder die Weisen noch Josef handelten dumm, sondern mit Gottes Hilfe überlegt!

Ich weiss nicht, wie viele Nächte Maria, Josef und Jesus im Stall in Bethlehem gehaust haben. Kaum angekommen, hat Maria geboren, und bald musste die Familie weiterziehen, ja vor der drohenden Macht fliehen. Josef war achtsam auf seine Träume, wie es auch die Weisen waren. Mir kommt die franziskanische Itineranz in den Sinn und ich lande bei Paulus, der durch Veränderung unser Christsein erst ermöglichte. Könnte es nicht bequemer und gemächlicher sein?

Interessanterweise haben wir im Evangelium eine Vielfalt der Träume. Und diese Vielfalt war wichtig. Die Weisen träumten von einem anderen Weg als dem geplanten Besuch bei Herodes. Josef träumte vom Aufbruch, von Flucht und Sicherheit in einem fremden, unbekannten Land. JedeR muss seinen Traum auch leben. Lebensgeschichten sind farbig und persönlich.

Liebe Miterben, franziskanische Brüder und Schwestern, vielleicht ist es an der Zeit, auch selbst wieder einmal auf unsere vielfältigen Träume zu achten, sich diese gegenseitig auch anzuvertrauen und vor allem zu leben. Das könnte unserem geschwisterlichen Leben und Zeugnis Impulse und Farben auf den Weg geben. Vielleicht hat der heutige Tag solch gemeinsames Träumen ermöglicht. Ich hoffe es. Oft sind Träume, nicht nur fremde Träume, eine Herausforderung. Die Träume der Weisen und von Josef zeugen von keinem gemütlichen Leben. Die Sterndeuter aus dem Osten und die heilige Familie wurden durch ihre Träume herausgefordert und auf den Weg, auf unerwartet andere Stecken gesandt. Einen guten Weg und viel Mut uns und unseren Gemeinschaften im Segen Gottes, das wünsche ich mir heute, ganz besonders. Amen.

04. Januar 2026