Herz oder Hirn oder besser Asche?

Bis vor Kurzem meinte man, dass Reliquien ein Thema früherer Zeiten seien. Nun sind in Assisi Reliquien wieder Event geworden. Knochen von Franz von Assisi in der Unterkirche von San Francesco, der restaurierte Körper von Carlo Acutis in der Santa Maria Maggiore, und dessen Herz macht Zwischenhalt in der Kirche San Rufino. Es ist heute wieder verbreitet, dass der Mensch als Materie wahrgenommen wird. Glaubt man der Neurologie, dann sitzt das Zentrale des Menschen im Hirn, und von da scheint das Menschsein gesteuert zu werden. Oder ist vielleicht doch der ganze Körper massgeblich, wie es beispielsweise die Phänomenologie beschreibt? Für Phänomenologen wie Thomas Fuchs ist das Hirn das Beziehungsorgan. Aber es geht mir hier nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung und Diskussion. Vielleicht nicht einmal um Antworten, sondern lediglich um einige Fragen zum Menschen und dem Umgang mit seinen sterblichen Überresten nach dem Tod.
Modern wäre Kryonik
Sterblichkeit oder vielmehr Unsterblichkeit ist nicht erst seit heute Thema, in den vergangenen Jahren aber wieder vermehrt aktuell. Superreiche investieren Milliarden, um noch älter zu werden oder gar nicht mehr zu sterben. Es ist dies ein grosser Hype. Und wenn doch sterben, dann lässt man sich einfrieren (etwas vereinfacht ausgedrückt) um später wieder aufzutauen und zum Leben erweckt zu werden. Kryonik, wie der Fachausdruck dafür lautet, meint insbesondere das „Einfrieren“ nach dem Tod und «Aufbewahren» von Menschen, die schon zu Lebzeiten entsprechende Verträge mit kommerziellen Anbietern geschlossen haben und auf eine technische Innovation hoffen, die ihnen ein Weiterleben in der Zukunft ermöglichen soll (vgl. Wikipedia). Auch in der Schweiz ist dieses Geschäftsfeld unter Reichen verbreitet. Wessen Budget nicht für den gesamten Körper reicht, friert nur den Kopf ein – und hofft darauf, mittels seiner wiederbelebten Hirnmasse später erneut zum Leben erweckt zu werden.
Mir stellt sich ob all den Bemühungen um ewiges Leben die Frage nach dem Menschen an sich.
Was macht mich aus? Meine Knochen, welche sich auf Grund der Zellerneuerung innerhalb kurzer Zeit ständig erneuern? Oder doch mein Herz, mein ganzer Körper oder das Hirn? Auch deren Zellen erneuern sich laufend. Ein lebendiger Organismus lebt von steter Veränderung und Erneuerung. Ich bin wesentlich mehr als die Materie, aus der ich geschaffen bin. Das menschliche Ich bleibt in seiner Substanz, mindestens bis anhin, letztlich Geheimnis. Da hilft nur Staunen und sich vom Leben betreffen lassen.
Ob davon auch etwas zum Tragen kommt, wenn Reliquien bedeutender Menschen ausgestellt werden?
Das Herz von Carlo Acutis wurde 2019 bei der Exhumierung entnommen und wird seitdem als kostbare Reliquie in einem kunstvollen Reliquiar aufbewahrt. Es zieht Pilger aus der ganzen Welt an und wird aktuell auf einer Reliquien-Tournee durch verschiedene Städte Europas gezeigt. Gleichzeitig scheint eine Herz-Reliquie in der Kirche San Rufino aufbewahrt zu sein – vielleicht ist sein Herz nun also zerteilt und an vielen Orten zu finden? Nun denn: Es ist jedenfalls nicht nur ein physisches Überbleibsel seines Körpers, sondern auch Symbol für seine spirituelle Hingabe und sein Vermächtnis als vom Papst Heiliggesprochener. Durch die zur Schau Stellung seines Herzens soll Carlos spirituelle Präsenz und sein Einfluss auf die Gläubigen weiterhin spürbar bleiben, obwohl er physisch nicht mehr unter uns weilt, und sie inspirieren bzw. ermutigen, durch seine Geschichte und seine Werke ihren eigenen Glauben zu vertiefen und zu verbreiten. (Vgl. chip)
Fazit
Es geht bei diesem Reliquienkult also primär nicht um eine materielle, sondern um eine symbolische Dimension. Da darf man gewiss unterschiedlicher Ansicht darüber sein.
Persönlich möchte ich aber meinen Körper nach meinem Tod nicht ausgestellt wissen. Vielleicht allerdings meine Asche an einem Ort begraben wissen, wo Menschen sich erinnern können. Ohne materielle oder symbolische Überbleibsel (also Reliquien), sondern ein Ort zum Verweilen in Gedanken an dieses Geheimnis «Mensch», dessen Ursprung christlich geglaubt die Liebe des Schöpfers, der Schöpferin ist.