Kirche leben

ITE 2026/2: Was oder wer ist die Seele der Kirche? Was macht Menschen zu Christen und Christinnen? An welchen Handlungen kann man kirchliche Gemeinschaften erkennen und beschreiben? Unterscheiden sich Gläubige von Humanisten und Humanistinnen? Eine kurze, pointierte Auslegeordnung.
Jesus Christus ist die Seele des Christentums, jeder christlichen Kirche. Humanitär und den Nächsten liebend leben nicht nur Christen und Christinnen: Menschlichkeit wird auch ausserhalb der Kirchen verwirklicht. Auch unter Juden, Moslems, Hindus und Buddhisten, aber auch unter Menschen, die sich nicht religiös und theologisch verorten, leben Menschlichkeit. Hans Küng schreibt: «Christentum aber ist nur dort, wo die Erinnerung an diesen Christus aktiviert wird» (Wegzeichen der Zukunft, 2018). Dasselbe würde ich für unser kirchliches Leben einfordern. Welcher Jesus Christus ist gemeint, ist für Küng die schwierige Frage. Und hier kann die Theologie helfen, klären und streiten. Auch die franziskanische Spiritualität hat dazu pointierte Antworten.
Noch einmal Küng: «Das Bleibende, das unterscheidend Christliche, die Seele der Kirche ist nicht eine Idee, ein Prinzip, ein Grundsatz, eine Grundhaltung, sondern das ist, einfach und schlicht in einem Wort gesagt, eine Person: dieser Jesus selbst.» Von daher verstehe ich Kurt Koch, der als Bischof von Basel vom kirchlichen Atheismus gesprochen hat, dahingehend, dass Kirche – hier insbesondere die Schweizer Kirche – Acht geben muss, vor lauter Geschäftigkeit ihren Grund, Jesus Christus nicht zu verlieren.
Ursakrament Jesus Christus
Auf der Homepage des Bistum Basel ist sinnigerweise eine katholische Antwort zu lesen: «Das ‹Ursakrament› ist Jesus Christus selbst, weil er in allen Sakramenten wirkt und sie letztlich spendet. Denn in Jesus ist Gott Mensch geworden und hat uns das Heil geschenkt, welches die Sakramente vergegenwärtigen. Die Sakramente werden in der Gemeinschaft der Kirche gefeiert und gespendet; deshalb wird die Kirche auch ‹Grundsakrament› genannt. Die Feier und der Empfang eines Sakramentes ist nicht nur ein individuelles Heilsereignis, sondern es ist eingebettet in die Gemeinschaft und das Gebet von Christinnen und Christen weltweit.» Hier zeigt sich die römisch-katholische Ausrichtung auf die Sakramente und ihre gemeinschaftliche Feier. Christ, Christin ist man nicht allein, ist hier die Überzeugung, sondern eben kirchlich.
Das theologische Nachdenken über die Kirche heisst Ekklesiologie. Der Begriff wurde im Edito (siehe S. 3) schon biblisch eingeführt und soll hier nicht weiter differenziert werden. Wichtig ist im Moment vor allem die Verankerung in Jesus Christus und – spezifisch katholisch – in den Sakramenten.
Wie lebt Kirche?
Schon die alte Kirche sah ein dreifaches Amt von Jesus Christus: Sendung als Prophet, Priester und Hirte. Durch die Taufe und die Firmung sind alle Glieder der Kirche oder das ganze Volk Gottes zu diesen drei Ämtern berufen. Konkret werden diese drei Sendungen in der Tradition folgendermassen umrissen:
1) Zeugnis (μαρτυρία martyría)
2) Liturgie (λειτουργία leiturgía)
3) Diakonie (διακονία diakonía): Dienst an den Menschen, Caritas
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil erhält noch ein vierter kirchlicher Grundvollzug Bedeutung, nämlich
4) Gemeinschaft (κοινωνία koinonía / commúnio).
Kapuzinisches Wirken soll vor allem durch Gemeinschaft und nicht durch hervorstechende Einzelleistungen getragen werden.
Interessanterweise haben die Kapuziner nach dem zweiten Vatikanum in ihrem Selbstverständnis diesen Gemeinschafts-Aspekt herausgearbeitet und betont. Kapuzinisches Wirken soll vor allem durch die Gemeinschaft und nicht durch hervorstechende Einzelleistungen getragen werden. Doch ist das nicht neu. Betrachtet man die Geschichte der Schweizer Kapuzinerprovinz, dann waren in den letzten hundert Jahren ihre Missionen wie auch ihre Schulen solche Gemeinschaftswerke. Lange gab es auch den Brauch, möglichst alle Pfarreien der Schweiz flächendeckend einmal im Jahr zu besuchen. Heutige Neuaufbrüche werden gerne an dieser Gemeinsamkeit gemessen. Zeugnis, Liturgie und Diakonie sollen also als Aufgabe der Gemeinschaft und nicht von Einzelnen gesehen werden.