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Gebet als Ausdruck der Liebe

14. Juni 2026
Gebet als Ausdruck der Liebe

Seit Januar 2026 muss Bruder Raphael Grolimund zwei Mal wöchentlich zur Dialyse ins Kantonsspital Luzern. Die Nieren arbeiten nicht mehr perfekt und Krebs begleitet den Kapuziner in seinem Leben. Zur Vorbereitung aufs Liegen im Spital hat sich Bruder Raphael schlau gemacht, wie man mit dem Handy Hörbücher abspielen kann – dafür brauchte er auch Kopfhörer. So hört er liegend oder sitzend im Spital Hörbücher und Musik. Bruder Raphael ist Kirchgängern vor allem als Organist bekannt, Mitbrüder wissen, dass die Geige sein erstes Instrument ist. Auch konnte er früher – wenn bei Weiterbildungen Referenten ausfielen – aus dem FF-Vorträge übernehmen.

Doch die neu und vielleicht etwas späte Errungenschaft ist die Entdeckung der Hörbücher. Von Natur aus wäre Bruder Raphael der Sachbuchleser, und ein solches wird er uns auch vorstellen. Doch hört er nun Literatur: „Der grüne Heinrich oder Ephie Briest, Literatur, die ich vor Jahren gelesen habe“, erzählt Bruder Raphael sinnend. „Hören ist einfacher und braucht weniger Anstrengung“, analysiert er. „Aber dafür muss man gegen Ablenkung angehen“, stellt er fest. „Gut, diese hat man beim Lesen ja auch“, setzt er lachend nach. 

Beim Mittagessen, nach der morgendlichen Dialyse, schwärmt Bruder Raphael gerne von der Freiheit des Hörens. Und das ergibt auch eine neue Bibelerfahrung. Theologen und Liturgen bearbeiten jeweils biblische Perikopen, kurze biblische Textstellen. Beim Liegen oder Sitzen in der Dialyse hat er es entdeckt, biblische Bücher am Stück, wie einen Roman zu hören. So hat er beispielsweise das Markus- und das Johannes-Evangelium schon auf einmal durchgehört. Darin entdeckt er ein anderes Bibellesen. Der Lesende sieht neue Zusammenhänge und entdeckt, wie die Evangelien auf ein Ziel hin orientiert sind. Die einzelnen Perikopen sind zwar vertraut, aber beim Perikopen-Lesen verliert man den Wald vor lauter Bäume aus dem Blick.

Neue Bücher, zumeist Fachbücher hat Bruder Raphael dank Mitbrüdern kennengelernt. Da konnte er sich in seinem Leben auf Viel-Leser abstützen. Zuerst einmal Bruder Barnabas Flammer, später die Brüder Josef Holenstein und Karl Flury, die beide eingesessenen Wesemlianer bestens vertraut sein könnten. Raphael liebt Sachbücher und vor allem dann, wenn es um biblische Themen geht. Da legt er einen wissenschaftlichen Schunken – Raphael kennt heute die historische Bibliothek des Klosters Wesemlin wie kein zweiter Bruder – mit gut fünfhundert Seiten auf den Tisch: Offerorium, Das mittelalterliche Messopfer, von Arnold Angenendt aus der Serie Liturgiewissenschaftliche Quellen und Forschungen, Band 101. 

Diese Ausführungen über die Messe des Mittelalters kennt viele Bezüge zu den Anfängen des Gottesdienstes. Spannend empfindet es Bruder Raphael wie sich die Messe zuerst in unterschiedliche kulturelle Räume integriert hat und vor allem ab dem achten Jahrhundert romanisiert wurde. Ade Vielfalt. Spannend die Idee, dass die römische Liturgie als gutes Schauspiel zu verstehen ist. Raphael zitiert aus dem Buch Josef A. Jungmann: „Die Messe wird aufgefasst als dramatische Darstellung eines heilsgeschichtlichen Vorgangs, …“ (Seite 102). Nun ja, das Buch sei ja nicht allen zum Lesen empfohlen, für Raphael jedoch ein wahrer Krimi!

Obwohl kein Vielleser zitiert er als Literatur Die Brüder Karamasow von Fjodor Michailowitsch Dostojewski – ein Buch mit mehr als tausend Seiten. Das Spiel zwischen gut und böse, Sünde und Vergebung fasziniert den Kapuziner. Der jüngste der drei Brüder repräsentiert den Heiligen; der älteste der Brüder den grausamen Menschen – da sieht Bruder Raphael Vergleichspunkte mit Der Name der Rose von Umberto Eco. Man könnte direkt meinen, Eco habe Dostojewski abgeschrieben, bilanziert der Bruder.

Bibelstellen? Raphaels Augen rollen. Da gibt es so viele! Gut, in den letzten Jahren habe er ein neues Verhältnis zu Maria gefunden. Der vielbeschäftigte Kapuziner habe im Alter mehr Zeit als früher, um den Rosenkranz zu beten, stellt er glücklich fest. «Siehe deine Mutter». Jesus von Nazareth schenkt seine Mutter Johannes und dieser nimmt Maria, Jesu Mutter, zu sich. Auch er fühle sich angenommen, angekommen, stellt Bruder Raphael fest. Obwohl seine älteste Schwester Maria hiess und erst noch seine Gotte war, hatte er früher eine distanzierte Einstellung zu Maria. Da hat sich nun einiges geändert.

Ach ja, da gibt es noch eine zweite Bibelstelle aus dem Johannes-Evangelium, die Raphael prägt. Zwei Johannes (der Täufer) Jünger fragen Jesus «Wo wohnst du?». Dies sei jedoch eine schlechte Übersetzung, kommentiert Bruder Raphael. Besser wäre nach der Schlachter Übersetzung: Wo hältst du dich auf? Wo kann man dich treffen? Wo weilst du? Die Antwort Jesu «Kommt und seht» intendiert nicht mehr den Ort, «Wo»,, sondern die Frage nach dem «WER». Und darauf gibt Jesus Antwort. Die Geschichte spielt erst noch zur zehnten Stunde, verstanden als der Höhepunkt und der Kairos des Tages!

Lieblingsgebete gäbe es viele, stellt Bruder Raphael fest. Doch habe er sich in letzter Zeit zur Gewohnheit gemacht, das Vaterunser entlang von Stichworten zu beten: Name, Reich, Wille, Brot, … Mit „Name“ verbindet der Kapuziner Heiligkeit wie auch Gegenwart. Es erinnert ihn an ein Foto seines Vaters auf seinem Nachttisch. Durch das Bild werde sein Vater ihm gegenwärtig. Auch erinnere ihn der Begriff Name an die Geschichte mit Mose und dem Dornbusch. Da hat Gott seinen Namen offenbart. Natürlich gäbe es auch franziskanische Gebete wie Höchster, glorreicher Gott, … oder dem Augustinus zugeschrieben Atme in mir Heiliger Geist … Aber das Vaterunser entlang der Stichworte ist sein Favorit.

Gebet ermöglicht Raphael Beziehung mit Gott. Durch Worte wird Gott ansprechbar. Der Mensch sei eben ein Wortwesen stellt er fest. „Ja, (lächelnd) ich spreche gerne und schreibe gerne“, gesteht er. Und trotzdem, „Gott kann man sich nicht vorstellen“, bilanziert er selbstkritisch und theologisch korrekt. Gebet sei ein Ausdruck der Liebe – auch wenn es vielleicht speziell tönt, eine Besitznahme. Gebet ist ein Ort der Begegnung mit dem unendlichen Geheimnis. Und diese Beziehung findet und lebt Bruder Raphael durch die Lektüre der Bibel, durch den Gottesdienst in Rom, den er oft im Fernsehen schaut, sowie in Beziehungen mit Menschen im Alltag lebt. „Durch all das hindurch lebt meine Liebe“, stellt er fest. „So verbindet mich allerhand durch den ganzen Tag mit Gott“, betont er. Und die jetzige Krankheit, der Krebs mit seinen Ablegern in den Knochen, erlebt er heute als positiv, sie lernt ihn Ja-zu-sagen. Gut, auf die Schmerzen kann Bruder Raphael verzichten. 

 

Zum Kapuzinerkloster auf dem Wesemlin gehören zurzeit zwölf Brüder. Jeden Monat im Jahr 2026 wird einer von ihnen vorgestellt. Dabei darf er eine ihm wichtige Evangeliums-Stelle, ein oft meditiertes Gebet sowie einen Buch- oder Film-Tipp abgeben. Hier geht es um Bruder Raphael Grolimund, der seit 38 Jahren in Luzern lebt und vorher im Kapuzinerkloster Solothurn gelebt und gewirkt hat.