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Aufbruch nach Eden

16. Juli 2026
Aufbruch nach Eden

Artikel aus Franziskuskalender 2027: James Dean spielte seine grosse Filmrolle in Jenseits von Eden (1955) von Elia Kazan (Regie). Wie erstaunt war ich, als wir in der Schule das gleichnamige Buch (1952) von John Steinbeck lesen durften. Eden ist sowohl in Literatur und Film Ausdruck von Sehnsucht oder auch ein Orientierungspunkt in der Zukunft. In diesem Artikel werden die Literaturverfilmungen Schäfer (2024, Bergers) und Der Salzpfad (2024, The Salt Path) auf ihr Eden-Bild, auf menschliche Sehnsucht befragt.

Aufbrechen, loslassen, weggehen ist heute für viele Menschen ein verheissungsvoller Wunsch, ein erstrebenswertes Ziel. Wer wenig Zeit hat, geht auf Reisen oder sogar Pilgern. Manchmal stellen Menschen ihr Leben auf den Kopf, um ein neues, besseres Leben, Eden zu finden. Ein Aufbruch nach Eden – in Literatur und Film manchmal ein innerweltliches Eden. Manchmal realisieren die Filmhelden, dass es kein irdisches Eden gibt, dann bleibt man also Jenseits von Eden, oder an der Schwelle zu Eden. 

Viele romantische Filme enden da, wo das Leben beginnt. Die Liebenden haben sich gefunden und das gemeinsame Leben beginnt. Doch, eben, the end! Die romantischen Filmhelden müssen sich nicht um Haushalt, Arbeit, Kinder, eigenes Ungenügen und älter werden auseinandersetzen. 

Im Film mit James Dean geht es um eine zerrüttete Familiengeschichte und der Sehnsucht nach einer heilen Familie und den menschlichen Konflikten, die daraus entstehen, wenn das Ideal nicht der Realität entspricht. Das Leben war eben Jenseits von Eden. Andere Filme zeigen oft den Weg nach Eden, aber Eden wird nicht mehr gezeigt. Ein offener Schluss lässt uns Eden manchmal erahnen.

 

Eine Reifungsgeschichte

Der Aufbruch nach Eden kann freiwillig (Film Schäfer) oder auch unfreiwillig (Film Der Salzpfad) entstehen. Das kann einerseits bedeuten, dass eine Figur aus ihrem Lebensalltag aufbricht, einer Sehnsucht folgt, um Eden zu suchen, andererseits, dass die Protagonisten aus einem vermeintlichen Eden vertrieben werden und darum ein neues Eden suchen und finden müssen – das ist wie eine Adam und Eva Geschichte. Interessanterweise enden beide genannten Filme mit einem offenen Schluss, d.h. sie führen uns an die Pforte von Eden, aber nicht hinein.

Oft wird Eden zu einem Weg in eine neue und andere Welt, in die Natur. Dabei geht es nicht immer um eine idealisierte oder romantisierte Naturbetrachtung, sondern um die Erfahrung einer harten und wilden Realität. Im Film Schäfer führt der Weg in die Berge der Naturgewalten und der wilden Tiere, Wölfe; in Der Salzpfad geht es um die Erfahrung mit Meer und Wetter bei einer Wanderung an einer rauen manchmal menschenfeindlichen Küste. Die Protagonisten sind in Bewegung, unterwegs, auf Wanderschaft – äusserlich und innerlich. In beiden Filmen müssen sich die Protagonisten mit ihrem eigenen Versagen auseinandersetzen und leben können.

 

Kasten

In der Sehnsucht habe ich einen Punkt in mir, der das Alltägliche übersteigt. Und dieser Punkt ist der Ruhepunkt in allen Turbulenzen meines Lebens. Er befreit mich von der Unruhe, die mich hier schon die Erfüllung meiner Wünsche suchen lässt. (Anselm Grün, Anton Lichtenauer, in: Vergiss das Beste nicht)

 

Schäfer von Sophie Deraspe (Regie)

Mathyas hat seine Arbeit bei einer Werbe-Agentur in Kanada an den Nagel gehängt. Er sucht ein anderes, wirklicheres, naturnahes Leben. Seine Sehnsucht treibt ihn nach Frankreich. Als Schäfer, Schafhirte, möchte er in der Provence sein wahres Leben finden. Der junge Intellektuelle hat weder Erfahrung im Umgang mit Schafen, noch hat der Kanadier eine Aufenthaltsbewilligung für Frankreich. Den Arbeitsplatz möchte er vor Ort suchen. So begibt er sich in der Provence an Schaf-Märkte und tritt mit Schafhaltern in Kontakt.

Erstaunlich schnell findet Mathyas eine Arbeitsstelle, genauso schnell ist sie wieder weg. Nach zwei Stunden wird im erklärt, dass niemand auf dem Hof die Zeit finde, dem Unerfahrenen das Handwerk eines Schäfers zu vermitteln. Wiederum schnell bekommt Mathyas bei einem alten Paar eine zweite Schäfer-Chance. Ein älterer Marokkaner schaut für dieses Paar zu den Schafen und bringt Mathyas einen rauen und harten Umgang mit den Tieren bei. Erkenntnis: Es gibt einen Rassismus gegenüber Menschen, aber auch gegenüber den Tieren. Am liebsten hat dieser Schafhirte die Schafe jedoch im Magen und nicht auf der Weide. An den Tieren kann er seinen Lebens-Ärger und-Frust ablassen. Da würde man auch sagen, Jenseits von Eden!

Der Protagonist Mathyas ist gesellschaftlich aussen vor. Er hat keine Arbeits- und Niederlassungsbewilligung für sein persönliches Eden in Frankreich. Die Beamtin der Einwohnerkontrolle in Arles rät ihm schwarz zu arbeiten und bleibt aus menschlichen Gründen in Kontakt mit Mathyas. Es entsteht eine literarische Liebesgeschichte durch Briefe-Schreiben. Nach dem zweiten Scheitern als Schäfer des Mathyas begegnet er ein zweites Mal der Standesbeamtin Élise und eine echte Liebesgeschichte darf sich entfalten. Élise sucht Mathys auf. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg und finden auf Umwegen eine gemeinsame, für Mathyas eine dritte, Arbeitschance als Schäfer. 

Lange geht es gut, die beiden werden unterstützt und arbeiten an ihrem vermeindlichen Eden auf Erden. Dieses ist hart, aber gut. Zuerst ziehen sie mit den Schafen durch die Weiten im Flachland und erreichen in den Bergen eine Alp zum Bleiben. Die Natur macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Heftige Gewitter und reissende Wölfe bringen die bringen die beiden Newcomer unberechtigt in Verruf und sie verlieren ihre Stelle als Schäfer. Der dritte Rauswurf aus einer vermeintlichen Eden-Lebenssituation. Und? Ist nun Eden auf Erden vorbei? Jenseits von Eden? Im Abspann des Filmes sieht man die beiden auf einer Bergstrasse ins Tal, weg von den Schafen, wandern. Doch liest man im Abspann des Filmes, dass Mathyas und Élise nun gemeinsam in einem neuen Gebiet als Schäfer tätig sind. Haben sie nun Eden auf Erden gefunden? Oder vielleicht eher eine Vorstufe dazu? Es ist ihnen zu wünschen.

 

Der Salzpfad von Marianne Elliot (Regie)

Der Kapuziner Anton Rotzetter lehrte mit folgenden Worten zu beten und zu meditieren: «Wer bist du, Gott? Wer bin ich?» Es geht also um Selbstfindung im Angesicht Gottes. In der Filmgeschichte sind es oft Roadmovies, die solche Selbstfindungsprozesse anstossen. Was in den sechziger Jahren mit Autos geschah, findet heute immer mehr auch mit Wander- und Pilgerfilmen statt. Kinowandern gilt heute nach dem Filmkritiker Michael Sennhauser als eigenes Genre. Die internationale Filmdatenbank IMdB listet zum Stichwort «Hiking Movies» über die letzten 60 Jahre 78 Filme auf. Literarisch spricht man beim Kinowandern oft von Heldenreisen. Nach Sennhauser geht es dabei oft um «Selbstfindung, Überwindung der Lebenskrise, die Wanderlust, das temporäre Nomadisieren als Ausbruch aus der alltäglichen Sesshaftigkeit». 

Im Film Salzpfad geht es um das Ehepaar Moth und Ray in den Mittfünfziger. Weil sie mit Aktien und Schulden übers Ohr gehauen wurden, mussten sie ihren idyllischen Bauernhof mit dem Angebot Ferien auf dem Bauernhof räumen und sind nun von Sozialgeldern abhängig. Moth hat eine unheilbare Nervenkrankheit, die tödlich enden müsste. Darum hinkt er beim Wandern. Was soll man ohne Lebensort tun? Eden ade! Die beiden erleben zu Beginn des Filmes einen Rauswurf von ihrem Hof – ähnlich wie Adam und Eva aus dem Paradies. Einmal sind es Betreibungsbeamte, das andere Mal ist es Gott selber, der aus Eden verbannt. 

 

Umwege und Zwänge

Im Film Salzpfad beginnen Moth und Ray mit Wandern. Im ersten Teil gibt es viele Rückblenden, welche klären und erklären, wieso die beiden heute auf dem Fernwanderweg gelandet sind. Es ist dies wie ein geistlicher Exerzitien-Prozess, den die beiden im Film absolvieren. Zuerst muss man in die Vergangenheit schauen, dann über die Gegenwart zu den Visionen und der persönlichen Sehnsucht zu gelangen. Moth und Ray sind zwei Jahre unterwegs am Wandern. Im ersten Jahr domminieren die Rückblenden. Im Winter kann Ray bei seiner Schwester Poli einen Schuppen renovieren und Moth verdient Geld mit Schafe-Scheren auf unterschiedlichen Bauernhöfen. Im zweiten Jahr Wandern stellt sich die Frage nach der Zukunft, ihrer Sehnsucht, ihrem Eden.

Am Ende des Filmes erreichen die beiden Protagonisten auf einem Hügel ein Gebäude mit viel Weitsicht. Hier entspannt sich ein wichtiger Eden-Dialog der beiden Eheleute. Auch wenn sie könnten, möchten sie nicht mehr zurück auf den Bauernhof mit Familienferien. Auch möchten die beiden kein anderes Leben geführt haben als das Leben, dass sie gemeinsam in Liebe gelebt und genossen haben. «Du bist mein zu Hause», sagt Ray zu Moth. Dankbare Akzeptanz prägt ihre Wander-Erfahrung. Kurzfristig möchte der Sterbenskranke Bauer Moth noch ökologische Landwirtschaft studieren – dies als staatlich finanziertes Arbeitslosenprogramm. Nach dem Tod möchten die beiden, dass ihre Asche in einer Kartonschachtel gemischt wird und am Ort des Ende ihrer Wanderung verstreut wird.

 

Himmlische Schlusspredigt?

Moth und Ray rasten am Ende des Films auf ihrer Wanderung und schauen auf ein wildes Meer. Eine Frau – Theologen können da Frau Weisheit aus dem Alten Testament sehen – kommt des Weges und beginnt einen Monolog. Die Vögel passen sich fürs grossartige Fliegen dem Wind und den Elementen der Erde an. Darum können sie fliegen und in einer feindlichen Umgebung überleben. Die Menschen im Unterschied zu den Tieren kämpfen mit den Elementen. Sie müssten lernen wie die Vögel die Elemente zuzulassen und mit den Elementen zusammenzuleben, so der Ratschlag. Beim Weitergehen wünscht Frau Weisheit viel Glück. Gibt es nun den Weg zurück in Paradies, nach Eden?