Halten - gehalten

Reifen und Halten

Liebe Schwestern und Brüder, Franziskus ist ein Heiliger, der gerne verkannt wird. Und auch ich muss mir stets wieder vergegenwärtigen, nein so einfach und vor allem so schnell geht es im Leben, und vor allem in der Gottesbeziehung, nicht. Fastfood oder ein schnelles spirituelles Gipfelerlebnis sind nicht das Ziel unserer Berufung und unseres Beschenktwerdens durch Gott. Mit Franz von Assisi entdecke ich immer mehr und vor allem tiefer, es geht um reifen und halten! Ansonsten kommt unser Herz nicht mit.

Reifen und Halten

Diesen Frühling gab es im Kloster Rapperswil einen neuen Steamer, Kombi-Bachkofen-Dampfgarer. Und sein Wirken ist mir ein schönes Sinnbild für die Glaubensentwicklung von Franz von Assisi, sowie meiner eigenen Gottesliebe geworden.

Interessanterweise dauert das Kochen im neuen Steamer länger als im Elektrobachofen oder im alten Steamer. Und neu wird nicht mehr gekocht, sondern es werden Prozesse gesteuert. Und so stelle ich mir jetzt Gott als einen guten Koch vor – und hoffe natürlich, dass er aus mir nicht einen Schmorbraten macht!

Beim Programm Braten über Nacht gibt es sieben Phasen: Vorheizen, Braten, Anbraten, Abkühlen, Reifen, Reifen und Halten und am Schluss Überkrusten. Und alle diese Phasen kann man gut auf das Leben und die Glaubensentwicklung eines Franz von Assisi übertragen. Ja, der liebe Gott war dem Franziskus ein exzellenter Koch! Aus zeitlichen Gründen möchte ich hier nur die fünfte und die sechste Phase aufgreifen.

Phase 5, Reifen

Betrachtet man das Leben des Franz von Assisi, dann übersieht man oft, dass bei seinem Lebens- und Glaubensprozess die Zeit des Reifens ein langer Entwicklungsprozess war. Viele Autoren und Filmemacher schildern zuerst den jugendlichen Strolch und den Ritter in allen Farben. Und dann entsteht wie aus dem Nichts, der vom Volk verehrte Heilige. Doch wenn ich das Leben eines Franziskus genauer betrachte und meditiere, dann begegnet mir zuerst ein religiös sensibles Kind. Mit 12 wurde man im Mittelalter erwachsen und Franziskus wird danach in den Biografien als fleissiger und fähiger Mitarbeiter seines Vaters dargestellt.

Phase 5, Reifen dauert bei Franziskus vielleicht vom 12. bis zum 26. Lebensjahr. Mehr und mehr sucht der nun junge erwachsene Mann die Stille in Wäldern und Kapellen. Franziskus probiert praktisch einiges aus – und nicht alles hat Erfolg. Gewisse Träume sind Schäume: Karriere, Rittertum, Ruhm, Freiheit, Reichtum usw. Sie befriedigen ihn nicht.

Mit 22 Jahren dann ein massiver Zusammenbruch seiner Ideale und Sinnkrise. Franziskus ist in dieser Zeit in einem heftigen Reife-Prozess. In der Stille merkt er mehr und mehr, dass er für die Menschen und auch für die Kirche Verantwortung trägt. Nicht er hat von Menschen und der Kirche zu fordern, sondern Gott beruft ihn. Für die Menschen und für die Kirche hat er da zu sein. Eine Gewissheit, die im Suchenden wächst, sagt: Franziskus baue meine Kirche wieder auf.

Eine verkannte Entwicklung – Glauben braucht Geduld und Taten

Heute sind Mystiker und Mystikerinnen in. Man sucht bei ihnen oft ein spirituelles Quicki. Gott greift an einem bestimmten Ort mit Getöse und viel Lärm in das Leben eines Menschen ein. Dann ist plötzlich alles anders und man hat die Gottesgewissheit, ja man besitzt Gott. Bei Franz von Assisi wird behauptet, dass das Kreuz von Damiano zehn Sekunden zum 23jährigen Franz gesprochen hat und dass Franziskus mit 24 bei einer Begegnung mit einem Aussätzigen sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat. Gibt es noch Fragen? Nein. Falsch. So ging das nicht!

Am Deutlichsten und Hartnäckigsten zeigt sich dieser Irrtum in der Geschichte der Begegnung mit den Aussätzigen. Auch heute noch erzählen viele Filme oder schreiben sogar Wissenschaftler über die Begegnung des Franz von Assisi mit dem Aussätzigen. Doch falsch. Den Aussätzigen gibt es im Leben von Franziskus gar nicht.

Ich bin froh, dass Franz von Assisi selber ein Testament geschrieben hat, was ich bei Jesus von Nazareth ab und zu etwas vermisse. Franziskus erzählt wunderbar und ehrlich von seinem eigenen Entwicklungsprozess:

«So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Busse zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selber hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und als ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süssigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.»

Im Testament erzählt Franziskus also von der tätigen Begegnung mit vielen Aussätzigen, die zu seinem Sinneswandel führen. Wie im Steamer, ganz langsam, reift hier bei Franziskus ein neues und anderes Bild von ausgegrenzten, ja im Mittelalter todgesagten Menschen. Im Alltag und in der Begegnung mit diesen Menschen vom Rand seiner Gesellschaft wächst in Franz von Assisi ein neuer und anderer Zugang zum Leben. Dies nicht theoretisch am Schreibtisch oder am Biertisch, sondern in der konkreten Begegnung mit diesen Menschen. Interessanterweise hat Franziskus für die jungen Brüder seiner Zeit jeweils gefordert, dass sie zu Beginn der Ausbildung mit Aussätzigen arbeiten müssten. So müssen wir auch heute vielleicht nicht primär über Flüchtlinge reden, sondern ihnen zuerst einmal begegnen und zuhören, und dann an neuen Welt- und Migrationsstrukturen arbeiten. Und wie schreibt Franziskus so schön:

Und der Herr selber hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen.

Vielleicht auch? Und Gott selber hat die Flüchtlinge zu uns gebracht, und wir haben ihnen Barmherzigkeit erwiesen?

Reifen und Halten, die 6. Phase

Ab dem 26. Lebensjahr gesellen sich die ersten Gefährten zu Franziskus. Man könnte meinen. Jetzt ist hier alles am Trockenen. Da steht ein im Glauben gereifter Mann einer Brüderschar vor und leitet diese weise. Doch nein. Ganz anders. Der 27jährige zieht sich mit einigen Brüdern nach Poggio Bustone zurück, erlebt eine persönliche Glaubenskrise und verzweifelt das erste Mal an seinen Mitbrüdern. Nach langem und hartem Ringen findet Franz bei Gott Antworten auf seine Nöte.

Und ähnlich geht es weiter mit der Lebens- und Glaubensentwicklung des Franz von Assisi. Einerseits reift er vom Alter von 27 bis 44 an immer neuen Themen bis er Bruder Tod in die Arme fällt. Da geht es um die Beziehung zu Menschen und zu Gott, Begegnung mit fremden Religionen, Gerechtigkeit und Frieden, eigene Schwächen und Unzulänglichkeiten, Organisationsfragen und Intrigen. Last but not least, um den Umgang mit Krankheiten, Schmerzen und natürlich um das eigene Sterben.

Einige Klärungen zum Reifen und Halten. Bei Franziskus geht es auch um das Aushalten und Akzeptieren von Leid und Schmerz im eigenen Leben. Doch ist er ein lebensfroher, wie auch poetischer Mensch. Der Spielmann Gottes ist kein griesgrämiger, sondern ein menschenfreundlicher verspielter Erdenbürger, der auch lachen und feiern kann. Er kommuniziert mit Briefen und Liedern, setzt sich für Gerechtigkeit und Frieden ein. Die Welt ist ihm und seinen Brüdern ihr Kloster und Gott ihr Vater und zärtlicher Schöpfer. Mit Blick auf das Reifen und Halten des Steamers, kann man ja sagen, dass das Fleisch gut bleiben soll und sogar noch besser werden darf. Und so verstehe ich auch mein und unser Reifen und Halten. Wir sind auf dem Weg in die offenen und liebenden Arme unseres Gottes. Nach dem alttestamentlichen Buch «Hohelied» in die Arme unseres Geliebten und Liebhabers.

Liebe Brüder und Schwestern aus Kempraten

Wir feiern heute mit eurem Kirchenpatron Franziskus einen schillernden und grossartigen Heiligen. Dazu will ich euch beglückwünschen. Doch nicht nur der Lebens- und Glaubensprozess eines Franziskus besteht aus vielen Lebensphasen, auch unser eigener. Vor allem während unserem «Reifen und Halten» wünsche ich uns viel Kraft, Mut, Geduld und immer wieder die spielerische Leichtigkeit und Freude eines Franziskus. Vergesst nicht, Gott, unser Vater und unsre Mutter, wird unser Reifen und Halten richten. Interessanterweise beginnt der heilige Franziskus die meisten Abschnitte seines Testamentes mit: «So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben»; «Und der Herr gab mir»; «Und der Herr gab und gibt mir …». Da bin ich ja gespannt, was er ihnen gegeben hat. Amen.

Kempraten, Franziskuskirche, Predigt zum Patrozinium, 28.10.2018

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